Auf den Hund gekommen

Heptopek
Heptopek

Bevor ich meine Liebeserklärung beginne möchte ich eines vorab sagen: Mein ganzes Leben lang habe ich Hunde     gehasst. Und gefürchtet. Ich habe die Straßenseite gewechselt. In meiner persönlichen Gefahrenanalyse                       Mensch:Tier kam zuerst der Hund, dann lange nichts, dann Pferde, dann der weiße Hai und dann der ganze Rest.
Im Haushalt meiner Mutter lebte ein Hund und die meisten Menschen würden sagen, dass er wenig bedrohlich aussah und wirkte. Für mich lag die Sache anders, ich sah ein Maul mit riesigen Zähnen und wenn er durch die Tür wollte bin ich gerne zur Seite gegangen. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte mich verbeugt.
Wir haben uns arrangiert. Ich bin ihm aus dem Weg gegangen.

Aber das Leben hat immer den einen oder anderen Spaß auf Lager und so kam es, das ich zu Besuch bei meiner Mutter war, damals als Student in den Semesterferien, auch weil ihr damaliger Ehemann endlich, nach zahlreichen, ungeahndeten groben Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung, seinen Führerschein abgeben musste. Leider nicht für immer.


Man lockte mich also ins Hundehaus, mit der falschen Aussage, meine Dienste als Chauffeur würden benötigt um den Haushalt und das Geschäft aufrechtzuerhalten (meine Mutter besaß zu der Zeit noch keine Führerschein). Jedoch, als ich einen Tag dort war, wurde mir klar, das alles nur ein perfider Plan war – man hatte anderes mit mir vor. Auf einer Fahrt nach Hamburg, deren Sinn und Zweck ich in meiner Naivität und Vorfreude (ich liebe Hamburg) nicht in Frage stellte, wurde mir der wahre Grund eröffnet: die Familie wünschte sich einen zweiten Hund. Und ich sollte der Erfüllungsgehilfe sein. Wir fuhren gerade auf der Autobahn und für einen Wimpernschlag überlegte ich, ob ich das Auto in die Böschung lenken sollte. Aus Respekt und Angst (der andere Hund saß im Kofferraum, ich befürchtete, er könnte meinen Plan frühzeitig erkennen) fuhr ich einfach weiter geradeaus, die Fingerspitzen einer Hand völlig zerschunden von meinem nervösen Nagen. Ein Hund. Zwei Hunde. Mit mir im Auto. Oh grauenvoller Gott, was habe ich getan?
An die weitere Fahrt kann ich mich nicht erinnern, aber irgendwann erreichten wir ein dunkles, grauenvolles Gehöft, aus dessem Inneren flackernder Schein von Ritualkerzen schimmerte, und die Luft war erfüllt von unheilvollem Raunen. Meine Bitte, im Auto warten zu können, vorzugsweise im Kofferraum, wurde nicht erhört, vielleicht sollte auch ich geopfert werden, irgendeinem heidnischen Caniden-Gott zur Besänftigung zum Fraß vorgeworfen werden?
Also stolperte ich schwitzend hinten drein und betrat das Haus, in dem unvorstellbare Zustände herrschten. Eine wilde Meute, die offensichtlich über menschliche Sklaven herrschte, hatte alles in Beschlag genommen. Große, ein bisschen weniger große, schwarze, braune Hunde, überall Zähne und Pfoten und peitschende Schwänze. Zur Begutachtung ihres Opferlammes sprangen sie an mir hoch, beschnüffelten mich und tanken meinen Schweiß.
Meine Familie ließ sich davon nicht stören, von Mitleid keine Spur. „Stell Dich nicht so an, was sollen die denn denken?“ Nun, ich hoffte sehr das sie mich ablehnen würden.
„Oh, schau mal, der ist doch süß!“ kam es von meiner Mutter, offenbar an mich gerichtet.
„Ja, SÜß!“ rief ich aus meiner zusammengekauerten Haltung aus der Ecke des Raumes.
„Oh, mit dem werden sie aber Probleme bekommen.“ sagte die oberste der Hundesklaven. Das dachte ich auch, Probleme, mit Sicherheit, GROßE Probleme. Egal, der sollte es sein. Man führte mich kurz aus, sicherlich um zu sehen ob der Hund sein Opfer annahm und das war es dann schon, ein paar Übergabe-Formalitäten und ab ins Auto, ich durfte meinen Untergang zu seiner Erheiterung noch ein wenig herumfahren. Zu meinem Entsetzen sollte der Hund nicht in den Kofferraum zu seinem Artgenossen, er saß direkt hinter mir und funkelte mich mit seinen kleinen, boshaften Augen an. „Ich glaube er friert, wir haben keine Decke dabei.“ sagte meine Mutter zu mir. Kennt ihr das, wenn eine Aufforderung einfach nicht ausgesprochen werden muss, ihr aber wisst, das ihr sie erfüllen müsst? „… :(“ sagte ich. Resigniert reichte ich meine Jacke nach hinten und der Hund machte es sich direkt gemütlich. Ich fuhr los.
Die Hälfte des Weges mochte hinter uns liegen, als ein stechender Geruch den Wagen erfüllte. „Oh Hepto“ kicherte meine Mutter, „ich glaube der Hund hat auf Deine Jacke gepinkelt!“ Hihihihi. Toll. Aber was erwartete ich auch, außer angespuckt zu werden? Was sollte ich mit der Information anfangen? Man reichte mir die Jacke nach vorne, wo ich sie in den Fußraum des Beifahrersitzes legte als Mahnmal der Dinge, die kommen würden.
Zu Hause angekommen war mein Plan, mich weiter unauffällig zu verhalten und darauf zu hoffen, das der Hund mich vergaß. Er erschien mir tatsächlich nicht übermäßig intelligent zu sein. Aber es sollte alles anders kommen.
Eines Nachts, ich hütete das Haus, erwachte ich auf der Couch, ich war vor dem Fernseher eingeschlafen, wahrscheinlich aus Erschöpfung. Zu meinem Entsetzen lag der Hund neben mir und starrte mich an. Mein Ende. Kurz vor Mitternacht, Vollmond. Nun war es aber so, dass der Hund nichts tat, mich einfach nur anstarrte und ich vorsichtig seinen Kopf berührte. Der Hund fing leise an zu Brummen und legte seinen Kopf auf meinen Bauch. Von diesem Moment an hatte er Zugang zu meinen Gedanken. Heptopek und ich verbrachten unsere erste, gemeinsame Nacht.
In der folgenden Zeit führte er mich einige Male aus und der boshafte Ausdruck in seinen Augen wich einem schelmischen Funkeln. Wie er die Katzen jagte, wie er den anderen Hund in Schach hielt, all das imponierte mir und gefiel mir gut. Ich konnte ihm sogar Essen ins Maul stecken und er verzichtete darauf, meine Hand zu fressen. Aus Toleranz entwickelte sich so etwas wie Zuneigung und ich war fast etwas traurig, wieder Abschied nehmen zu müssen.
In den folgenden drei Jahren schien es mir fast, als wäre er ein besonderes Exemplar, aufgeschlossen, fast freundlich und ich konnte mich im Nähern ohne in Panik zu verfallen. Wir wurden Freunde. Er lehrte mich auch, dass Hunde nicht böse, sondern eigentlich ziemlich doof sind. Und das sie mich nicht als Futter, sondern Futterspender ansehen und so konnte ich meine Angst auch anderen gegenüber etwas ablegen.
Vor zwei Jahren kam es dann, das die Beziehung meiner Mutter mit ihrem Mann, der sich in der Rudel-Rangliste konsequent nach unten durchgearbeitet hatte, endete und die Hunde wie Scheidungskinder vor dem Heim standen. Ich hatte mit meiner Freundin etliches über Hunde gelernt und immer wieder gesagt: „Ich will einen Hund!“, was mich rückblickend eigentlich immer noch erschüttert und so kam es dann, dass Heptopek sich entschied, zu uns zu ziehen. Und da ist er, seit zwei Jahren unser treuer Begleiter und Freund und unsere Nervensäge Nummer 1!

Ich habe keine Ahnung wie mein Leben heute ohne ihn wäre, so viele lustige Moment hat er uns beschert. Er ist ein toller Hund und er hat auch andere Menschen wie mich von der Angst vor Hunden, zumindest ein Stück weit, geheilt. Auch wenn er immer noch all die ekligen, kleinen Dinge macht, die Hunde so machen, und wirklich IMMER etwas möchte – die Arbeit ist nichts gegen die vielen kleinen Momente die er uns bringt.

 

 

Heptopek

Auf den Hund gekommen was last modified: Januar 8th, 2015 by Heptopus
 

2 Gedanken zu “Auf den Hund gekommen

  1. Hey,

    toller Beitrag =) Ich hatte nie Angst vor Hunden und wollte schon einen haben seit ich denken kann. Bei der Geburt meiner Schwester fragte der Arzt mich – ich damals 4 – ob ich mich freue eine kleine Schwester zu haben und meine Antwort, Nein ich hätte lieber einen Hund.
    Bekommen habe ich ihn dann mit 14 🙂 Einen Dackel und die unangefochtene Nr.1 in unserer Familie.
    Meine neue große Liebe sind zwar die Körnerdiebe, aber in absehbarer Zeit werde ich mir dann auch meinen ersten eigenen Hund holen 🙂

    LG Felan

    LG Felan

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