Bindungstheorie I – Grundlagen

Die Bindungstheorie ist ein psychologische Theorie, die im wesentlichen auf den Kinderpsychiater John Bowlby, den Psychoanalytiker James Robertson und die Psychologin Mary Ainsworth zurück geht. Sie basiert auf einer emotionalen Betrachtung der frühen Mutter-Kind-Beziehung. Es werden verschiedene Typen von Bindung unterschieden, die ein Mensch bereits als Kind entwickelt und die einen erheblichen Einfluss auf sein Leben als Erwachsener haben – wie er auf bestimmte Situationen reagiert und wie er sich in Beziehungen verhält.

Geschichte

Bereits in der 40er Jahren des 20. Jahrhunderts stellte Bowlby zentrale Ideen der Bindungstheorie auf. Er beschrieb die negativen Auswirkungen frühkindlicher Trennungen von Eltern und Kind (z.B. Krankenhaus). 1948 stieß Robertson zu Bowlbys Forschungsgruppe. Robertson hatte ähnlich Beobachtungen während seiner Arbeit in einem Kinderheim machen können. 1950 bewarb sich Mary Ainsworth um eine Stelle unter der Leitung von Bowlby. Ihr Aufgabengebiet war die Erforschung der Auswirkungen früher Mutter-Kind-Trennungen auf die Persönlickeitsentwicklung.
1957 veröffentlichte Bowlby erste Erkenntnisse seiner Theorie, die jedoch sehr umstritten waren, in der damaligen DDR jedoch Beachtung fanden und zu vergleichenden Untersuchungen führten, die belegten, das familiengebundene Kinder in Bezug auf Sterblichkeit, physische und psychische Entwicklung die besten Entwicklungsstände zeigten.
In der Folgezeit jedoch geriet die Bindungstheorie in Vergessenheit, wurde zwischenzeitlich aber auch heftig angefeindet, da sie sich nicht ausschließlich an der reinen Lehre der Psychoanalyse orientierte.
Durch einen 1975 von Robertson verfassten Aufsatz erwachte das Interesse erneut und seit den 1990er Jahren ist die Bindungstheorie eine etablierte Theorie der Psychologie.

Grundlagen

Der Begriff Bindung meint eine emotionale Beziehung zwischen Menschen, wie sie zum Beispiel bei einem Neugeborenen zu seinen Eltern (oder entsprechenden Bezugspersonen) entsteht. Bindungspersonen sind ältere bzw. Erwachsene Personen, zu denen das Kind die intensivste Bindung hat. Durch die zu diesen Personen bestehende Bindung wird das Kind veranlasst bei ihnen, im Falle von (wenn auch nur subjektiv erlebter) Gefahr Schutz zu suchen, das Bedürfnis nach Nahrung zu stillen und das Kind vertraut darauf, das diese Bedürfnisse auch befriedigt werden.

Der Begriff Bindungsverhalten bezeichnet verschiedene, genetisch geprägte Verhaltensweisen wie Lächeln, Suchen einer Bezugsperson, sich festklammern, schreien. Man spricht hierbei von einem Verhaltenssystem. In Alarmsituationen oder dem Wunsch nach Nähe wird konkretes Bindungsverhalten ausgelöst, in Alarmsituationen begleitet von emotionalem Stress, z.B. bei Schmerz, Angst, Unwohlsein, zu großer Distanz zur Bezugsperson. Werden Bindungswünsche abgewiesen verstärkt sich dieses Verhalten, d.h. das Schreien wird lauter. Nähe mit Blick-/Körperkontakt zur Bezugsperson beenden in der Regel das bindungssuchende Verhalten; es kann wieder exploratives Verhalten gezeigt werden; das Kind untersucht seine Umgebung und vergrößert wieder die Distanz zur Bezugsperson. Dabei rückversichert sich das Kind immer wieder durch Blicke der Anwesenheit der Bezugsperson.

Das Bindungsverhalten verändert sich mit dem Alter. Es tritt nicht mehr so offensichtlich zu Tage, Bindungs- und Explorationsverhalten sind nicht mehr so deutlich erkennbar. Die Erfahrungen der ersten Jahre haben aber weiterhin Einfluss auf das Verhalten, es wurden sog. „Inner working models“ ausgebildet, die relativ stabil bleiben. „Inner working models“ beinhalten Erfahrungen und Erwartungen an eine Bezugsperson, sie werden genutzt um das Verhalten interpretier- und vorhersehbar zu machen. Sie bilden die Erwartungen, die ein Mensch an eine Beziehung hat.

Bindungstypen, die sich im Laufe der Zeit entwickeln, sind weniger ein Zeichen des Charakters eines Menschen. Sie sind ein Resultat aus wechselseitiger Eltern-/Kind-Beziehung, die im wesentlichen darauf beruht, wie prompt und der Situation angemessen auf Verhalten des Kindes seitens der Eltern reagiert wurde.

Bowlby hat zur Beschreibung des sich entwickelnden Bindungsverhaltens ein Vierphasenmodell entwickelt:

  1. Vorphase: bis ca. 6 Wochen
  2. Personenunterscheidende Phase: 6. Woche bis ca. 6./7. Monat
  3. Eigentliche Bindung: 7./8. bis 24. Monat
  4. Zielkorrigierte Partnerschaft: ab 2 / 3 Jahren

In der Vorphase können Bezugspersonen häufiger wechseln. Anschließend entwickelt sich, zusammen mit dem personenbezogenen Lächeln, eine zunehmend festere Bindung zu den Bezugspersonen. Durch die Entwicklung des Bewegungsapparates ist das Kind in der Lage, sich selbstständig zur Bezugsperson hin- und von ihr fortzubewegen (Individuation), was ihm erst durch die Entwicklung der Objektpermanenz (innere Vorstellung der Bezugsperson, ohne das diese anwesend ist) möglich wird.

Individuelle Bindungstypen entstehen durch die Anpassung an das Verhalten der Bezugsperson, hierbei sind die ersten sechs Monate von entscheidender Wichtigkeit. Diese Typen sind aber nicht völlig starr, sondern in Maßen formbar (Plastizität), so können durch spätere, positive oder negative Erfahrungen im Leben (Tod z.B.) durchaus Veränderungen stattfinden, bei Erwachsenen sind die Verhaltensweisen jedoch relativ konstant. Man spricht dabei von einer Tendenz der Mutter-Kind-Bindung zur Generalisierung. Weiterhin wurde ein transgenerativer Effekt von Bindungsmustern nachgewiesen, die Wahrscheinlichkeit, das ein Kind ein dem Eltern ähnliches Bindungsverhalten zeigt, ist hoch.

Bindungstheorie I – Grundlagen was last modified: Januar 8th, 2015 by Heptopus
 

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