Das Zürcher FIT-Konzept

Heute möchte ich eine Zusammenfassung des „Zürcher FIT-Konzepts“ vorstellen. Das Konzept geht davon aus das jedes Kind verschieden ist und das ein erzieherischer Ansatz, der dem einen Kind gerecht wird, für ein anderes schon nicht mehr passend ist. Jedes Kind bringt eigene Wünsche und Bedürfnisse mit und je besser es gelingt, sich auf diese einzustellen, desto besser werden sich diese Kinder entwickeln. Auch die erzieherische Arbeit wird leichter, bzw. weniger.
Aber genauso, wie die Kinder verschieden sind, so sind es auch die Eltern. Eltern haben verschiedene Ansichten von Erziehung, sei es nun, das sie sich an dem orientieren, was sie in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben, oder das sie an einem der zahlreichen Konzepte festhalten, die es heute gibt.
In diesem Spannungsfeld zwischen den Wünschen und Bedürfnissen der Kinder einerseits und den Erwartungen und Ansprüche der Eltern andererseits ist es fast unvermeidlich, das es zu Unstimmigkeiten kommt, sogenannten „Misfits“. Ein Beispiel dafür ist das Schlafverhalten von Kleinkindern. Einige Eltern mögen davon ausgehen, das ihr Kind 12 Stunden schläft und auf einige Kinder trifft dies sogar zu, anderen hingegen genügen 10 Stunden. Es kann passieren, das ein Kind, dessen Eltern sich nicht auf das individuelle Schlaf-Verhalten einstellen, ihr Kind länger im Bett lassen als dieses Schlafen kann, es hat einfach kein Bedürfnis mehr danach. Hieraus können sich Schlafstörungen entwickeln, das Kind hat Schwierigkeiten einzuschlafen, wacht Nachts auf oder am Morgen zu früh. Ein klassisches Beispiel dafür, wie nicht zusammen passende Bedürfnisse und Erwartungen ein „Misfit“ erzeugen.

Das FIT-Konzept der beiden Kinderärzte Largo und Jenni versucht nun, eine gute Übereinstimmung zwischen diesen beiden Haltungen zu erzeugen. Der Name des Konzepts ist angelehnt an den von den Kinderpsychiatern Thomas und Chess geprägten Ausdruck „goodness of fit“, welcher besagt, eine optimale Entwicklung eines Kindes sei bei Übereinstimmung von Temperament und Motivation des Kindes gegenüber Erwartungen und Anforderungen seiner Umwelt gegeben. Das FIT-Konzept erweitert diesen Begriff von Motivation und Temperament auf das ganze Kind. Es wird eine größtmögliche Übereinstimmung in den folgenden drei Bereichen angestrebt:

  • Geborgenheit (die Bezugsperson(en) sind verfügbar, beständig, angemessen im Verhalten, es gibt eine Kontinuität in der Betreuung)
  • soziale Anerkennung (Zuwendung und soziale Anerkennung gelten der Person des Kindes, nicht seiner Leistung)
  • Entwicklung und Lernen (das Kind kann seinem Entwicklungsalter angemessene Erfahrungen machen, es orientiert sich an positiven Vorbildern)

Gelingt eine gute Übereinstimmung ist das Kind in der Lage Wohlbefinden, Interesse an seiner Umwelt und ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Dabei gilt es immer, die individuellen Bedürfnisse des Kindes zu beachten, sie sind wichtiger als „möglichst viel von allem“, und dabei den momentanen Entwicklungsstand im Auge zu behalten.

Geborgenheit

Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Geborgenheit. Genau wie Hunger und Durst existiert beim Kind ein Bedürfnis nach Sicherheit und Nähe. Bezugspersonen sind eine sichere Basis, sie ermuntern das Kind eigene Erfahrungen zu machen und überlassen ihm die Initiative, eingegriffen wird nur wenn das Kind sich in Gefahr begibt. Bei Bedarf kann das Kind sich jederzeit zurück in seinen „sicheren Hafen“ begeben. Es bekommt Rückhalt und Vertrauen entgegengebracht und ist in der Lage, seine Umwelt frei zu erkunden. Folgende Qualitäten sind für die Vermittlung von Geborgenheit wichtig:

  • gegenseitige Vertrautheit: die Bezugsperson kann die Bedürfnisse des Kindes richtig deuten und angemessen befriedigen. Vertrautheit verlang ausgedehnte, gemeinsame Erfahrungen denn nur so kann das Kind die Bezugsperson an Ausdruck, Mimik etc. erkennen.
  • Verfügbarkeit: Das Kind erfährt eine zuverlässige Befriedigung von Bedürfnissen. Ältere Kinder halten längere „Wartezeiten“ aus, sofern die folgende Befriedigung zuverlässig erfolgt.
  • Beständigkeit: Konstanz im Verhalten (Tagesabläufe, Art und Weise von Zuwendung) sorgt für ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit und wirkt sich positiv auf Psyche und Physis aus (Schlafrhythmus, Aufmerksamkeit, allgemeine Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden)
  • Angemessenheit: Unterschiedliche Kinder haben ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Geborgenheit. Vernachlässigung oder Überbehütung sollten vermieden werden. Mütterliches Verhalten, das für ein Kind angemessen ist, kann von einem anderen wieder als zu viel oder zu wenig empfunden werden.
  • Kontinuität der Betreuung: Die Kontinuität der Betreuung muss durch eine vertraute Bezugspersonen (nicht zwingend die Eltern) gewährleistet sein. Das Kind kann sich auf verschiedene Bezugspersonen einstellen.

Die Betreuung eines Kindes ist ein Vollzeitjob, diese Aufgabe ist nicht nebenbei zu erledigen. Eltern, besonders Eltern die berufstätig sind, müssen sich diese Umstandes bewusst sein. Wenn Eltern dabei ihre eigenen Interessen aufgeben und sich selbst vernachlässigen führt das zur Zermürbung und Unfähigkeit, den Aufgaben gerecht zu werden. Darum ist es wichtig, mehrere Bezugspersonen in die Betreuung einzubinden, um Qualität und Kontinuität zu gewährleisten.

Soziale Akzeptanz:

Die eben beschrieben Qualitäten gelten auch für die soziale Akzeptanz. Ein Kind benötigt zum Beispiel nicht ein möglichst großes Maß an Zuwendung, denn dadurch verbessert sich nicht automatisch die Beziehung. Es benötigt eben so viel, wie es seinen Bedürfnissen entspricht.  Es benötigt sie auch nicht, wenn es in den Zeitplan eines Erwachsenen passt, sondern eben wenn es sie braucht. Manchmal genügt es einem Kind, einem Erwachsenen zuzusehen und höchstens nachahmend tätig zu werden. Zusehen und Mitmachen sind wichtige Formen sozialen Lernens. Gemeinsames Erleben bedeutet auch immer Zuwendung. Ab einem Alter von ungefähr zwei Jahren erhalten Kinder ihre soziale Anerkennung zunehmend von gleichaltrigen. Dabei können es verschiedene Fähigkeiten sein, für die sie Anerkennung bekommen: gute sportliche Leistungen, gute Noten usw. Von Eltern oder Lehrern bekommen sie die Anerkennung meist für ihre schulischen Leistungen, also für Zensuren, dabei ist es wichtig, mehr die Person als die Leistung des Kindes in den Vordergrund zu rücken.
Kinder haben, auch unter Geschwistern, ein unterschiedlich ausgeprägtes Bedürfnis nach Zuwendung. Bei einer individuellen Erziehung müssen Eltern den Gedanken, alle Kinder gleich behandeln zu wollen, loslassen. Das bedeutet keine Ungerechtigkeiten unter den Kindern zuzulassen, aber eben angemessen und individuell auf Bedürfnisse einzugehen. Dabei ist zu beachten, das Geborgenheit und soziale Anerkennung zwei unterschiedliche Bedürfnisse sind; das eine ist nicht durch ein mehr des anderen zu ersetzen.

Entwicklung und Lernen:

In der Gesellschaft (Familie, Schule) hängt das Wohlbefinden von einer leistungs-  und verhaltensorientierten Wertschätzung ab. Das FIT-Konzept befindet sich im Widerspruch dazu. Hier steht das Selbstwertgefühl im Vordergrund, das einem Kind ermöglicht, seine Interessen und Fähigkeiten bestmöglich zu entwickeln. Dem Kind wird die Bereitschaft und der unbedingte Wille, sich zu entwickeln, unterstellt. Wichtig ist hierbei das Vertrauen der Eltern in ihr Kind.

  • Vertrauen in die Individualität: Das Kind muss seine Interessen entdecken und entwickeln können, auch wenn diese im Gegensatz zu dem stehen, was die Eltern sich für das Kind wünschen. Ein glücklicher Musiker wird mehr Freude in seinem Leben haben als ein erzwungener Akademiker.
  • Vertrauen finden, dass das Kind sich entwickeln will und auch wird: Eltern unterstützen, bevormunden aber nicht. Sie überlassen dem Kind wo es geht die Initiative. Der Prozess des (Selbst-)Lernens ist genauso wichtig wie die Fähigkeiten, die dadurch erworben werden.

Eltern sollen dem Kind eine Umgebung bieten, die es ihm ermöglicht, selbstständig altersgerechte Erfahrungen zu machen und Herausforderungen zu suchen. Dabei unterweisen sie ihr Kind und dienen ihm als Vorbilder.

Erfahrungen ermöglichen:

Die Umwelt eines Kindes sollte so gestaltet sein, das es entwicklungsspezifische Interessen selbst befriedigen kann. Neugierige Kinder machen Erfahrungen immer durch Irrtümer, Umwege und Misserfolge. Dieses Verhalten trägt wesentlich zur Entwicklung von Lernstrategien und Konfliktfähigkeit bei. Auch Langeweile hilft einem Kind dabei, herauszufinden, was es eigentlich möchte. Selbstbestimmte Erfahrungen erhöhen das Selbstvertrauen des Kindes.

  • Selbstbestimmung stärkt das Wohlbefinden und Selbstwertgefühl: Selbstbestimmte Kinder machen die Erfahrung, eigene Bedürfnisse zuverlässig befriedigen und sich auf eigene Fähigkeiten verlassen zu können. Häufige, unnötige Eingriffe von außen werden schnell als Fremdbestimmung empfunden und ein Empfinden für eigene Bedürfnisse kann nur ungenügend entwickelt werden. Hierbei ist wieder die Angemessenheit der entscheidende Faktor, Wohlbefinden und Selbstwertgefühl werden durch Unter- oder Überforderung nicht gestärkt. Angepasste, strukturierte Vorgaben (z.B. feste Bettzeiten) sorgen für Wohlbefinden und verringern den erzieherischen Aufwand. Eine entschiedene Haltung bzgl. dieser Grenzen wird vom Kind nicht als Fremdbestimmung erlebt, sondern als Sicherheit (in Bereichen, in denen das Kind nicht kompetent ist). Kompetent und das Bedürfnis nach Selbstbestimmung entsprechen dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes – ein Kind merkt sehr genau, wann es zum Beispiel in der Lage ist, das Fahrradfahren zu erlernen. Dabei ist nicht das Alter in Jahren das Entscheidende. Wohlwollende, aufmerksame Gelassenheit bedeutet: „Ich bin da, wenn Du mich brauchst, aber dränge mich nicht auf.“ Das Kind fühlt sich ernst genommen.
  • Verhalten ernst nehmen, auch wenn man es nicht versteht: Kinder lernen ihrem Entwicklungsstand entsprechend. Ein Kind, das WC und Töpfchen ignoriert, weil es die mit seiner Ausscheidung verbundenen Empfindungen noch nicht spürt, sollte nicht gedrängt werden. Gleiches gilt später für Zahlen und Buchstaben. Eltern können ihren Kindern immer wieder Angebote machen, sollten aber ein Desinteresse ernst nehmen. Erreicht das Kind den entsprechenden Entwicklungsstand wird es sich den Angeboten jedoch mit Neugier zuwenden.

Vorbild sein:

Kinder beobachten das Verhalten ihrer Bezugspersonen und engsten Mitmenschen sehr genau. Wie verhalten sie sich im Konflikt? Wie gehen sie mit Hilfsbedürftigkeit um? Wie gehen sie mit Ärger und Freude um? Findet das Kind im echten Leben keine ausreichenden Vorbilder wird es sich diese woanders suchen, im Fernsehen, Internet, Büchern, auch solche, die sich Eltern für ihr Kind nicht wünschen. Sie suchen dann nach Eigenschaften, die ihnen ihre Umwelt nicht vorlebt.

Die Herausforderungen bei der Erziehung Kinder jeder Art, begabt, „normal“ oder behindert besteht darin, sich auf ihre individuellen Bedürfnisse einzustellen und ihnen den Raum zu bieten, Erfahrungen selbst zu machen und Tätigkeiten eigenständig zu verrichten, dabei aber nicht zu vergessen, dem Kind in Momenten die Hand zu reichen, in denen es Hilfe benötigt; also auf angemessene, vertrauensvolle Art und Weise.

Das Zürcher FIT-Konzept was last modified: Januar 18th, 2015 by Heptopus
 

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