Der Hund Paula

Blick auf den Nachbargarten (zensiert)
Im Vordergrund unser Garten.

Es wird Frühling. „Aber Heptopus“ denkst Du vielleicht, „es ist doch erst Anfang Februar, wohin?“ aber ich sage es Dir. Es. Wird. Frühling. Wie ich darauf komme? Ganz sicher nicht wegen der paar Sonnenstrahlen und einiger Pflanzen, die sich davon irritieren lassen und wild drauf los knospen – das sind alles trügerische Zeichen einer launischen Natur. Wir bekommen den Frühling von unseren Nachbarn angezeigt; das ist ungleich viel präziser.

Das Wort „Nachbarn“ muss ich hierbei umdefinieren: Nachbarn heißt in unserem Falle nicht „Leute, die im Haus neben uns wohnen“. Wir haben an der Rückseite des Hauses einen kleinen Garten, an den direkt der Garten unserer Nachbarn grenzt. wobei „Garten“ wohl eher nur für unseren Teil zutrifft. Ganz ehrlich: was Gärten angeht – wir sind die totalen Spießer. Wir mögen es ordentlich und haben Freude daran. Jeder kann das halten wie er mag. Der Nachbarsgarten aber ist eigentlich nur eine ca. 2×5 Meter große, von Kies bedeckte Fläche, die von Maschendrahtzaun abgegrenzt wird. Brachland also. Es sind also die Nachbarn „von der anderen Seite“, über die ich hier rede.

Sie sind Österreicher; das ist nicht schlimm, aber der Dialekt ist unverkennbar. Wir können das hören, weil Herr Nachbar immer in seinem „Garten“ telefoniert. Er hält sich dort auch auf, wenn der Haus-Segen schief hängt. Frau Nachbar sitzt immer nur zum Rauchen auf der Türschwelle. Herr und Frau Nachbar haben eine kleine Familie, sie besteht aus Tochter und Hund. Der Hund heißt Paula, das wissen wir, weil der Name immer fällt, wenn der Hund ruhig sein soll. Das Mädchen hat keinen Namen, zumindest wird er nie gerufen, weil sie meistens leise ist. Wir haben uns schon gefragt, ob sie sprechen kann, alt genug ist sie in jedem Fall.

Ich stand nun vor zwei Tagen in der Küche und blickte aus dem Fenster, während mich winterliche Fieberkrämpfe schüttelten und ich vor mich hin halluzinierte. Ich sah in den Garten der Nachbarn und dachte: „Ah, es wird Frühling.“ Denn sobald es Frühling wird ist Paula, der Hund, im Garten. Dort ist Paula eigentlich das ganze Jahr, nur während der Nacht nicht. Das ist Paulas Reich, dort macht sie ihre Geschäfte, dort läuft sie im Kreis. Wir haben Paula noch nie außerhalb dieses Gärtchens gesehen, was erstaunlich ist. Unsere normale Route zum Gassi-Gehen nenne ich innerlich „Kot-Boulevard“, weil gefühlt 150 Hunde dort ihre Herrchen und Frauchen ausführen, die sich nicht um die Hinterlassenschaften ihrer Schützlinge scheren. Ich kenne sie alle. Nur Paula habe ich noch NIE dort gesehen.

Wir haben allerdings auch Herr und Frau Nachbar noch nie außerhalb ihres Hauses gesehen. Wir können nur vermuten, das sie arbeiten gehen und nicht möchten, das Paula in der Zwischenzeit das Haus abreißt. Also muss Paula in den Garten. Immer, wenn es Frühling wird. Heptopek, der Hund, merkt das natürlich und möchte dann ebenfalls raus. Er rennt dann zum Zaun und winselt, wobei ich denke, das er das nicht aus Mitleid tut. Heptopek frisst mit Vorliebe die Haufen anderer Hunde, für ihn muss es wie das Schlaraffenland aussehen, denn in Nachbars Garten ist alles voll Scheiße. Er kommt aber nicht durch den Zaun, es ist nicht zum Aushalten, so viele Snacks. Paula jault.

Wenn die Temperaturen dann, langsam, aber sicher, die 10° erreichen, gesellt sich Familie Nachbar dazu, meistens zum Telefonieren, zum Dampf ablassen oder zu Zwecken der Disziplinierung des ungehörigen Hundes. Dann lässt sich auch die Nachbarin der Nachbarn blicken, die in glockenhellem Sopran immer wieder Paulas Namen ruft während sie am Zaun steht, was den Hund fast explodieren lässt. Das Übermaß an Zuwendung überfordert sie.

Auch die Nachbarstochter erscheint dann. In den letzten Jahren saß sie, sobald es warm genug war, in Windeln im „Garten“ und schaufelte dicke Kiesbrocken in ein kleine Eimerchen oder kleine Förmchen. Das überall Scheiße herumliegt, half ihr in dem Fall, das pappte den Kies schön zusammen. Manchmal warf sie auch Teile davon nach dem Hund. Da ist dann die ganze Familie versammelt, Paula läuft im Garten rum und duckt sich unter den Wurfgeschossen weg, die Tochter lebt ihre Kreativität aus, Herr Nachbar macht Big Business am Telefon und Frau Nachbarin sitzt da und raucht. Das kleine Mädchen redet immer noch nicht.

Wie auf ein geheimes Zeichen verlässt die Familie dann den Garten, minus Paula, die vor der Tür steht und mit dem Schwanz wedelt, während sie auf Einlass wartet. Jetzt? Jetzt? Jetzt? Naives Tier. Das Rudel ist weg. So liegt sie dann da, die Treue, und wartet. Der Frühling vergeht, der Sommer kommt, und es wird echt warm. Heptopek, der Hund, und wir sind jetzt auch wieder häufiger im Garten. Wir lunzen durch den Zaun und zählen die Haufen und Heptopek winselt, er will auch einen. Uns fällt auf, das Paula kein Wasser hat, also stellen wir ihr einen Napf hin und kraulen sie ein wenig. Paula hat recht dickes Fell, und es ist warm. Dann gehen wir.

Als wir abends wiederkommen ist der Napf weg. Paula ist immer noch im Garten. Das kleine Mädchen zum Glück nicht. Jemand hat die Scheiße weggeräumt. Immerhin.

So kündigt sich also der Frühling an, und der Winter wird dadurch angezeigt, das Hund und Kind aus dem Garten verschwinden. Was sie während dieser Zeit machen wissen wir nicht. Das alles hört sich ziemlich grenzwertig an und ist es auch. Wir haben uns schon oft gefragt, ob und was wir tun sollen. Ansprechen hilft nicht. Ich befürchte, das Jugendamt und Tierschutz hier ziemlich machtlos sind. Wir vermuten, dass das kleine Mädchen einen Kindergarten besucht, das hören wir so aus den Gesprächen heraus, aber wir wissen es nicht. Tagsüber ist auf jeden Fall Ruhe im Haus. Vielleicht hat das kleine Mädchen ja etwas mehr Glück als Paula, zumindest ein wenig.

Also schauen wir mal, was das Jahr so bringt. Wir werden uns etwas überlegen müssen, vielleicht brauchen die Leute ja auch einfach nur Hilfe, vielleicht auch einen Tritt in den Allerwertesten. Ein Sozialarbeiter könnte hier bestimmt helfen. Wir könnten sie nochmal ansprechen. Aber wir beurteilen das nur aus relativer Ferne und tun uns etwas schwer damit, so richtig aktiv zu werden. Vielleicht übersehen wir auch was. Das ist ein tolle Ausrede für Nichtstun, nicht wahr? Immerhin stehen dieses Jahr zwei Plastikstühle und ein Plastiktisch im „Garten“, das lässt hoffen, wer genießt schon gern die Sonne während er von nicht ganz so kleinen Hundehaufen umgeben ist. Aber sicher bin ich mir da nicht.

Auf jeden Fall bin ich mir jetzt sicher, das es Frühling wird. Paula hat es mir verraten.

Der Hund Paula was last modified: Februar 8th, 2015 by Heptopus
 

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