Du oder Sie in Betreuung und Pflege

Du oder Sie?
Du oder Sie?

Heute morgen bin ich im Blog eines Bekannten auf einen schönen Artikel gestoßen, der sich mit der niemals langweiligen Frage beschäftigt, ob man Mitmenschen, Arbeitskollegen und Geschäftspartner „duzen“ oder „siezen“ sollte. Auf die grundlegenden Fragen will ich gar nicht groß eingehen, sie sind dort erstmal hinreichend geklärt. Mich hat – erneut – die Frage beschäftigt, wie man das als pflegende Person bzw. als betreuende Person handhabt. Schafft man eine angenehme, persönlich Atmosphäre durch das „Du“, oder wahrt man die professionelle Distanz durch Verwendung des „Sie“?

 

Vorausschickend möchte ich sagen, das es, wie auch im persönlichen Bereich, keine allgemein gültige Regel gibt. Es kommt immer auf den Menschen an, der vor Dir sitzt und nicht zuletzt auch auf dich selbst. Im Bereich der Pflege gibt es aber immer auch einen weiteren Punkt zu bedenken, nämlich: was möchtest Du mit deinem Handeln erreichen?

Denn Dein Handeln soll zielgerichtet sein und das beginnt bei scheinbaren Kleinigkeiten wie der Wahl der richtigen Anrede. Und da geht es schon los: es gibt (mindestens) zwei Beteiligte, den zu pflegenden Menschen/zu betreuenden Menschen und dich. Bevor wir auf den Klienten eingehen reden wir über dich. Wie hältst Du es damit? Lässt Du dich duzen und wenn ja, warum?

Im Bereich der Pflege ist es wichtig, ein persönliches Verhältnis aufzubauen. Das kannst Du relativ leicht erreichen indem Du das „Du“ anbietest. Du drückst damit aus, das ihr auf Augenhöhe seid und das Du ein freundliches, persönliches Verhältnis anstrebst. Du bist offen und vielleicht ist es für dich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks, vielleicht fühlst Du dich durch ein „Sie“ alt. Das kann anfänglich eine Brücke sein.

Das „Sie“ schließt aber eine persönliche, empathische Beziehung nicht aus. Anfänglich stellt es vielleicht eine kleine Hürde dar, die sich aber überwinden lässt. In der Pflege/Betreuung ist es unvermeidlich, das es auch zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten kommt und hierbei habe ich die Erfahrung gemacht, dass das „Sie“ Dir eine Möglichkeit bietet, dich ein Stück weit persönlich von einer Situation zu distanzieren und professionell zu argumentieren, und das quasi auf Knopfdruck.

Das ist nur ein kleiner, psychologischer Kniff, der aber funktioniert. Er funktioniert wie eine Deckung, vor der Du agierst und die dir Sicherheit bietet, denn einige Konflikte haben es in sich, und dann kann diese Distanz Gold wert sein. Ich wünschte, ich hätte mich von Anfang an immer nur „Siezen“ lassen, auch wenn es mir zuerst komisch vorkam; in manchen Situationen hätte ich vielleicht gelassener – professioneller – reagiert. Andererseits habe ich dadurch den Unterschied kennengelernt, den diese kleine Wörter machen können.

Wie steht es nun mit deinem Gegenüber? Hier mache ich eine kleine Unterscheidung: Kinder „duze“ ich immer. Wir befinden uns in vielerlei Hinsicht nicht auf Augenhöhe – ich bin für ihre Sicherheit verantwortlich und vielleicht sogar für das, was sie tun. Diesen Unterschied bringe ich so bewusst zum Ausdruck und betone ihn.

Bei einem Erwachsenen sollte es ein Gebot der Höflichkeit sein, ihn zu „siezen“, wenn Du das für dich in Anspruch nimmst. Auch wenn Du „per du“ mit ihm/ihr bist, kann ein kleiner Schwenk aufs „Sie“ Wunder wirken – allerdings mehr aus Überraschung und Verunsicherung, Du holst dir dadurch die Aufmerksamkeit.

Aber ich empfehle dir, dein Gegenüber  grundsätzlich zu „siezen“. Ihr befindet euch im Bereich der Pflege immer in einem Abhängigkeitsverhältnis voneinander. Er/sie ist auf deine Hilfe angewiesen und Du letzten Endes auf seine/ihre Kooperation. Sonst kannst Du deine Arbeit nicht machen. Du möchtest natürlich auch, das dein Gegenüber sich respektiert fühlt, aber das kann auch beim „duzen“ gegeben sein. Mit deinem „Sie“ zielst Du bewusst auf das angesprochene Abhängigkeitsverhältnis – Du nimmst ihn/sie dadurch in die Pflicht.

Auch hier spielt wieder die Psychologie eine Rolle: ein Mensch, der als „Sie“ angesprochen wird nimmt sich automatisch anders wahr. Du traust und mutest ihm implizit zu, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, ein Umstand, der gerade bei der Arbeit mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen häufig untergeht. Auch an Konflikte könnt ihr so auf andere Art und Weise herangehen, denn ältere Jugendliche und Erwachsene nehmen sich dadurch dir gegenüber als gleichberechtigt wahr, ohne das Du dich mit einem gegenseitigen „Du“ zu ihnen „herab begibst“ –  Du wertest seine/ihre Stellung auf. Du kannst berechtigterweise auch einen entsprechenden Umgang in solchen Situationen erwarten.

Gerade in der Pflege/Betreuung kann man mit diesen „Kleinigkeiten“ eine bestimmte Grundlage schaffen, die die Arbeit für dich und dein Gegenüber einfacher, auf jeden Fall aber gleichberechtigter machen. Du folgst damit deinem eigenen Bestreben, dem anderen eine größtmögliche Autonomie und Selbstbestimmung zu ermöglichen, und zwar explizit auch gefühlt, und nicht nur gesagt.

Selbstredend gilt das auch für andere Bereiche des Alltags, aber im speziellen in einer professionellen Situation solltest Du dir vor Augen rufen, warum Du dich für die eine oder andere Anrede entscheidet. Es kann durchaus gute Gründe geben, dich für eine andere Konstellation zu entscheiden, wichtig ist aber, dass Du dir über das warum im Klaren zu bist.

Auch wenn es wie eine Nebensächlichkeit erscheinen mag: ich bin der Überzeugung, das unsere Arbeit hier schon beginnt. Denn nur allzu oft kommt es vor, das man sich selbst in der Pflege wichtiger nimmt als den zu Pflegenden, dabei sollte er immer Mittelpunkt unserer Handlungen und Überlegungen sein und verdient es, das wir schon dort anfangen, uns mit ihm zu beschäftigen.

 

Du oder Sie in Betreuung und Pflege was last modified: Februar 3rd, 2015 by Heptopus
 

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