Inklusion die Zweite

Der junge Fritz
Der junge Fritz

Vor einiger Zeit habe ich mich schon einmal mit dem Thema „Inklusion – Was ist das?“ beschäftigt. Ich habe dabei das Augenmerk hauptsächlich auf Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung gelegt, heute möchte ich mich gerne von einer anderen Seite nähern. Wenn „Inklusion“ Teilhabe an der Gesellschaft bedeutet, was ist dann das Gegenteil? Wer alles kann nicht an der Gesellschaft teilhaben und warum? Für mich ist Inklusion ein Gesamtkonzept, ein Gesellschaftsentwurf und eine (Lebens-)Einstellung. Man kann Inklusion nur wirklich verstehen, wenn man sich bewusst macht, was Exklusion ist.

Dabei geht es mir nicht darum, Lösungen anzubieten; ich möchte versuchen, meine Vorstellung von bestimmten Begriffen (Konzepten) zu verdeutlichen und damit Selbstverständlichkeiten zu erzeugen.

Die Gesellschaft – Was ist das?

Ich rede hier die ganze Zeit von „der Gesellschaft“, aber was meine ich damit? Die soziologische Definition von Gesellschaft kann sich jeder durchlesen, ich persönlich erweitere diesen Begriff gerne noch etwas. Die Gesellschaft ist eine große Gruppe, und innerhalb dieser gibt es viele einzelne Gruppen, wie z.B. Kegelvereine, Motorradclubs, Parteien etc. pp, und das sind exklusive Gesellschaften, d.h.: der Zugang ist prinzipiell möglich, aber an gewisse Vorgaben gebunden, wie ein Mitgliedsantrag, der Besitz eines bestimmten Motorrads usw. Jede dieser Gemeinschaften hat ihre Existenzberechtigung, und niemand ist unzufrieden damit, nicht in allen erwünscht zu sein, im Gegenteil: für die meisten ist der Kegelclub Inbegriff der Spießigkeit, und sie möchten überhaupt nicht Teil davon sein, gleichzeitig stört sich aber auch niemand daran, das es ihn gibt. Privatsache halt.

Und dann gibt es das, was ich „gesellschaftliche Infrastruktur“ nennen möchte; das sind Gebäude, Institutionen, Veranstaltungen, bei denen die Möglichkeit zur Teilhabe nicht an Vorgaben gebunden sind (sein dürfen), mehr noch, die Teilhabe daran ist verbrieftes Recht jedes Einzelnen. Das betrifft Ämter, Theater, öffentliche Schulen, Kindergärten und Schwimmbäder. Und natürlich darüber hinaus noch vieles mehr. Das sind Angebote, die die Gesellschaft macht und diese dürfen nicht exklusiv sein. Es gibt keine Bedingung dafür, sie nutzen zu können. Das ist der öffentlich Raum, keine Privatsache und einzelne davon auszuschließen ist Diskriminierung. Das ist die Gesellschaft, über die ich spreche.

Integration – ein böses Wort

Nun ist es wohl jedem, der einen mehr, dem anderen weniger, bewusst, das dies nicht ganz den Tatsachen entspricht. De facto kann halt nicht jeder diese Angebote in gleichem Maße nutzen. Dabei möchte ich mich nicht so sehr daran stören, das Einzelne in der Lage sind, mehr Angebote wahrzunehmen, sondern daran, dass einige nicht dazu in der Lage sind; ich möchte jedem das Beste gönnen und mich von Sozialneid etwas befreien.

Es wird nun ein Schein-Angebot gemacht: integriere Dich, dann helfen wir Dir. Das klingt zuerst fair, klingt nach Rechten und Pflichten, ist aber eigentlich eine Gängelung. Es bedeutet: werde so, wie wir Dich möchten, dann helfen wir Dir. Das Angebot ist an Bedingungen geknüpft. Es ist exklusiv. Das betrifft nicht nur Migranten, Familien mit Migrationshintergrund oder andere Etikettierungen, die Menschen gerne aufgeklebt werden. Diese trifft es allerdings besonders hart: iss Kartoffeln, werde Christ, mein Gott SO VIELE KINDER, lern Deutsch und sprich zu Hause Deutsch. DEUTSCH! Ist dann jemand deutsch genug reicht das allerdings noch lange nicht, alle „Angebote“ wahrnehmen zu können. Das Amt, die Ämter, das alles ist geeignet, Menschen draußen zu halten. Man möchte fast Absicht unterstellen.

Wo integriert wird, stirbt die Inklusion. Denn Integration bedeutet „gleich machen“, wo Inklusion Vielfalt möchte.

Das liebe Geld – Geld macht schlau

 

Es kann viele Gründe dafür geben: Geld z.B., wenig davon ist immer eine Hürde, denn es kostet alles Geld. Theater, Schwimmbad, Bearbeitungsgebühren etc. Für vieles davon kann man Unterstützung beantragen, dafür gibt es aber eine weitere Voraussetzung, nämlich Wissen bzw. Bildung. Wo bekomme ich was? Was steht mir überhaupt zu? Wie bekomme ich Unterstützung? Machen wir uns nichts vor, Bildung kostet wieder Geld und zwar jeden einzelnen. Geld ist für vieles verantwortlich, es bringt Anerkennung. Verdiene ich genug, oder mein Partner, kann ich auch zu Hause bleiben und mich um mein Kind kümmern, ich kann es bei seinen Hausaufgaben unterstützen, und wenn ich das nicht kann, weil ich es selber nie gelernt habe, kann ich mir eine Nachhilfe leisten. Ich kann also meinem Kind eine gute (Aus-)Bildung ermöglichen.

Wissen ist also Macht wird beschränkt. Wer erfolgreich ist, wird schnell noch erfolgreicher. Der Rest bekommt überhaupt nicht die Chance dazu, im eigenen Leben erfolgreich zu werden. Nenne wir es „Bildungs-Rassismus“, gepaart mit Intransparenz. Angebote sind da, um möglichst nicht wahrgenommen zu werden (können).

Alles strampeln hilft nicht

Aber das ist ja nur eine Ursache. Ich möchte gar nicht, das jeder reich ist. Anstrengung sollte sich aber lohnen, Arbeit sollte gewürdigt werden. Und wenn jemand Hilfe benötigt, sollte er sie bekommen.  Es entsteht viel Frustration, wenn jemandem bewusst wird, das alle Mühen nichts wert sind. Das jemand dann zum Nazi wird, oder zum Salafisten, oder unpolitisch-nicht-religiös-kriminell, kann man ja kaum noch verübeln. Menschen werden ja nicht als Rassisten geboren, zumindest die allerwenigsten. Aber Frustration und Perspektivlosigkeit bieten einen Boden, der nur bestellt werden muss von jemandem, der nicht dein Bestes will. Frustration schlägt dann fehlgeleitet in Hass um, auf das erstbeste Ziel das sich bietet. Logik und Menschlichkeit haben keinen Platz wo jemand ums Überleben kämpft.

Exklusion

Der keine Fritz ist also in irgendeiner Großstadt herangewachsen. Seine Eltern hat er nur abends gesehen, zumindest die ersten zwölf Jahre, aber das war ok. Sie aßen zusammen zu Abend und redeten. Aber ab da waren sie dann immer zu Hause. Fritz hat draußen immer mit Murat und Michaela gespielt, sie waren ziemlich gut befreundet. In der Grundschule kam Fritz irgendwie klar, in der Mittelstufe wurde es aber langsam eng. Die Eltern konnten ihm nicht helfen. Sie sprachen kein Englisch, hatten mit Mathe nicht viel am Hut und waren außerdem ziemlich mit sich selbst beschäftigt. Als sie noch Arbeit hatten waren sie müde, aber zufrieden, mittlerweile fühlen sie sich nur noch nutzlos, in den letzten Jahren waren sie ziemlich abgestumpft. Es gab keine Arbeit für sie und das Amt hatte sie auf dem Abstellgleis geparkt. Es gab ein bisschen Geld, zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ansonsten kümmerte sich niemand um die Familie, außer den Leuten auf der Straße, im Supermarkt, die die Nase rümpften.

Fritz hatte nicht so die tollen Klamotten, hatte er noch nie, aber die Familie konnte sich immer weniger leisten. Manche Kinder lachten ihn darum aus. In der Schule wurde er als Assi beschimpft, irgendwann dann als Harzer-Kind. Bei den Lehrern war er abgeschrieben. Die Eltern saßen mittlerweile nur noch rum, und Fritz machte was er wollte. Fritz fand das zuerst ganz toll, als er älter wurde verschaffte er sich draußen Respekt und war akzeptiert. Aber mit 16 sah es so aus, als müsste er die Schule ohne Abschluss verlassen und irgendwie machte ihm das doch Angst. Die Eltern hatten sich mittlerweile völlig aufgegeben und Fritz musste das Bier nicht einmal stehlen.

Zu der Zeit lernte er Klaus kennen, und Klaus kannte ein paar andere Jungs, sie trafen sich um Bier zu trinken und zu chillen. Fritz brachte Murat einmal mit, der genauso wenig wusste, was er mit sich anfangen sollte, aber relativ schnell wurde beiden klar, das Murat nicht zu ihnen passte. Fritz und Murat haben heute keinen Kontakt mehr, sie haben sich nur einmal getroffen, im Gefängnis. Sie hatten sich abends geprügelt. Murat hasste Fritzes, die ihm keine Chance gaben, und Fritz hasste die Murats, die seine Arbeit klauten. Denn so hatten die beiden es dann gelernt, in den Gruppen, zu denen sie gehörten.

Heute arbeitet Fritz in einem Lager, er kommt gerade so über die Runden. Abends sitzt er mit seinen Kumpels in seiner Stammkneipe und wenn er genug getrunken hat, dann hebt er den rechten Arm. Er hat es noch ein paar Mal versucht, mit Ausbildung und so, aber niemand wollte ihn wirklich haben, und als dann sein Vater starb fing Fritz richtig mit dem Trinken an. Murat hat es irgendwie geschafft, er hatte Glück. Irgendjemand hat sich um ihn gekümmert, so genau weiß Fritz das nicht. Murat ist heute mit Michaela zusammen, die beiden haben Kinder. Murat klaut also nicht nur Arbeit, sondern auch Frauen. Deutsche Frauen. Fritz hasst Murat, Fritz hasst alle die so sind wie Murat. Manchmal vermisst Fritz die Zeit mit Murat.

Fritz hat nie wirklich eine Chance bekommen. Fritz war bis heute noch nicht in einem Zoo. Findet er schwul irgendwie. Fritz war noch nie im Theater, das ist nämlich RICHTIG schwul. Fritz kennt zwar keine Juden, er mag sie aber trotzdem nicht. Vielleicht weil sie alle schwul sind. Fritz kann nicht schwimmen, darum geht er nicht ins Schwimmbad, „zu viele Ausländers da“. Fritz geht nur dahin, wo seine Freunde hingehen. Neulich waren sie in Leipzig, sie waren das Volk. Um sie herum waren anständige Leute mit Familie und Jobs, fand Fritz. Fritz fühlte sich, als würde er dazugehören.

In Fritz Fall ist es wichtig, sich zu fragen: wie kam es dazu? Wäre Fritz vielleicht anders, glücklicher, hätte Fritz eine weniger behämmerte Einstellung, wenn er ein paar Chancen bekommen hätte, wenn die Gesellschaft sie ihm gegeben hätte? Und: ist es wirklich zu spät für Fritz? Oder haben wir die Pflicht, etwas wieder gut zu machen, sind wir ihm etwas schuldig?

Inklusion

Inklusion bedeutet also ein wenig mehr als einem Menschen im Rollstuhl die Tür aufzuhalten. Inklusion ist ein Auftrag für die Gesellschaft, eine Einstellung. Wenn jemand fehlt, schaut man, wo er ist und fragt, ob er mitkommen möchte. Das muss für jeden gelten. Inklusion macht Angebote und fordert nicht. Es gilt nicht: „Mach erstmal die Schule fertig“, dafür aber: „Ich helfe Dir, wenn es niemand anderes tut.“. Es haben eben nicht alle die gleichen Möglichkeiten und Voraussetzungen im Leben, es muss aber unser Ziel sein, für die besten zu sorgen.

Inklusion macht aber immer nur Angebote – im Gegensatz zur Integration gibt es aber keine Verpflichtung, sie anzunehmen, und es gibt auch keine Sanktionen.

Solange eine Gesellschaft nur nach Leistung beurteilt, und erst nach erbrachter Leistung bereit ist zu helfen, solange wir weiterhin Menschen ausschließen, solange dürfen wir nicht von Inklusion reden – wir müssen erst einmal über Exklusion reden.

Inklusion bedeutet nicht, Menschen einzuschließen – Inklusion bedeutet, niemanden auszuschließen.

Inklusion die Zweite was last modified: Februar 14th, 2015 by Heptopus
 

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