Inklusion – Soll Henri (Tim) aufs Gymnasium gehen?

Der „Fall Henri“ mag schon ein alter Hut sein, ich finde ihn aber exemplarisch und gebe darum nochmal meinen Senf dazu, unabhängig von der tatsächlichen, momentanen Entwicklung.
In der „Übereinkunft über die Rechte von Menschen mit Behinderung“ werden einige Grundrechte genannt, die Menschen mit Behinderung regelmäßig versagt werden, ich werde zwei heraussuchen, die ich für die Diskussion, ob Henri (oder Tim) aufs Gymnasium gehen darf (oder sollte), bedeutsam finde:

  • das Recht, ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu führen
  • das Recht, eine gute Bildung zu erhalten

Augenscheinlich betrachtet hören sich diese Punkte nach einer klaren Antwort an: Henri soll auf jeden Fall das Gymnasium besuchen dürfen. Ich bin anderer Meinung. Beides sind Grundrechte, die für Henri nicht erfüllt werden, wenn er eine Schule besucht, die ihm nicht gerecht wird.
Eine wichtige Sache möchte ich noch vorab sagen, da sie für die Fragestellung wichtig ist, aber schnell ganz weit vom Thema weg führt: Henri soll ein Gymnasium besuchen. Das Gymnasium ist eine Schulform (ein Hochleistungsbetrieb), die nicht jedem offen steht, genauso wenig wie eine Pilotenausbildung. Bekanntermaßen wird die Schülerschaft selektiert. Ob man diese Form von Schule jedoch gut findet, oder nicht, ist eine ganz andere Debatte, die mit ganz anderen Argumenten geführt werden müsste und würde (auch von mir). Ich orientiere mich hier an dem Schulsystem das wir haben.
Zu Beginn möchte ich kurz die Gründe ansprechen, warum Henri aufs Gymnasium soll. Zum einen haben sich die Eltern vorgenommen, ihren Sohn nicht durch niedrige Erwartungen zu behindern, zum anderen soll Henri mit den Kindern, die er aus der Grundschule kennt, weiterhin zusammen bleiben können. Das sind aus Sicht der Eltern völlig nachvollziehbare Gründe. Es gibt aber auch noch einen anderen Blick darauf, die Frage ob ein Gymnasium Henris Bedürfnissen gerecht wird.
Henri wird beschrieben als ein 11-jähriger Junge mit Down-Syndrom, der im Zahlenraum bis zehn rechnet und einzelne, einfach Sätze lesen kann. Er wird von einem Sonderpädagogen begleitet, allerdings nur für einen Teil der Stunden, die er in der Schule verbringt. Was also wird Henri an einer Schule lernen, die seine Mitschüler auf ein Studium vorbereitet? Er wird weiterhin lesen, schreiben und rechnen lernen und bei den Klausuren seiner Mitschüler wird er vielleicht nicht anwesend sein müssen oder eine eigene, seinem Leistungsstand angemessene Klausur schreiben. Vielleicht wird er auch nicht mit auf die Klassenfahrt können, weil niemand da ist, der sich dort um ihn kümmert und die Lehrkraft überfordert ist. Was wird er sonst noch lernen, oder anders gefragt: was sind Henris Lernziele? Er hat ja ein Recht auf eine gute (ich übersetze das mal mit „ihm angemessene“) Bildung. Eine gute Bildung erfüllt immer die Lernziele des einzelnen, die durchaus unterschiedlich sind.
Die Frage nach den Lernzielen ist nicht einfach zu beantworten, also müssen wir weiter fragen: wo geht es hin für Henri, wenn er die Schule beendet hat? Soll Henri bei seinen Eltern wohnen, oder soll er sein eigenes Leben führen? Was für Fähigkeiten benötigt Henri, wenn er ausziehen möchte? Mit Sicherheit sollte er lesen, schreiben und rechnen können. Er muss aber auch Dinge beherrschen, die manch einem selbstverständlich erscheinen: einen Supermarkt besuchen und gezielt Dinge einkaufen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, seine Arbeitsstelle erreichen, oder seinen Sport- oder Gesangs- oder was-auch-immer-ihm-Freude-macht-Verein.
Er sollte sich einigermaßen gesunde Mahlzeiten zubereiten können und sich um seine Wäsche kümmern (das alles sind übrigens Fähigkeiten, die einigen Gymnasiasten fehlen).
Das alles wird er am Gymnasium nicht lernen und es ist doch etwas anderes, ob man diese Dinge von den Eltern lernt, oder in einem anderen Umfeld, mit (neuen) Freunden zusammen. Das würde ich, ganz aus der Ferne, als gute Bildung mit klarem Ziel bezeichnen – nämlich ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu führen. Natürlich muss der arme Kerl mir hier als Beispiel her halten, obwohl ich ihn nicht kenne. Ich habe aber viele Beobachtungen machen können, denen ähnliche Problematiken zu Grunde lagen.
Das Henri nicht weiter mit seinen Freunden zusammen die Schule besuchen kann ist keine unzumutbare Härte. Auch für einen Menschen mit Behinderung gehören diese Transitionen zum Alltag. Neue Umgebung, neue Menschen, eine hohe Konstanz ist wünschenswert, aber nicht immer machbar. Wenn wir ehrlich sind, wahrscheinlich wird es auch irgendwann so kommen, das Henri und seine jetzigen Freunde nur noch wenige gemeinsame Interessen haben werden. Henri wird weiterhin den Kontakt suchen, seine Mitschüler eher nicht. Irgendwann wird Henri in diesem Traum von Inklusion ziemlich isoliert dastehen.
Menschen neigen dazu, Gruppen zu bilden. Menschen sind aber auch Teil von verschiedenen Gruppen. Henri soll nicht Teil einer abgeschotteten Behinderten-Welt werden nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn.
Man kann Gruppenbildung mögen oder nicht – schlimm sind Gruppen nur, wenn sie sich über andere erheben. Henri sollte Bezugspersonen haben, die seine Interessen teilen, auch dauerhaft.
In unseren schulischen Verhältnissen halte ich eine „Sonderschule“ (Alarm!) für die richtige, für die angemessene Wahl. Eine Schule, die sich an den besonderen (Lern-)Bedürfnissen orientiert ist nichts schlechtes, im Gegenteil. Ich hab tolle, kompetente und engagierte Pädagogen kennengelernt, die sich mit ausreichend Zeit individuell mit ihren Schülern beschäftigen. Und ich habe tolle Erwachsene kennengelernt, die von ihrer Ausbildung heute profitieren, die ins Kino gehen, Tanzen gehen, heiraten und auch Kinder bekommen. Diese Menschen führen ein Leben, das in hohem Maße selbstbestimmt und selbstständig ist.
Die Schule, die ich besuche, wird auch von Menschen mit Behinderung besucht. Es findet gemeinsamer Unterricht statt, aber nicht Deutsch, Biologie oder Geschichte. Wir kochen zusammen. Und lernen voneinander. Da komme ich zum Schluss doch noch zu einer leisen Kritik am System. Wünschenswert wäre gemeinsamer Unterricht, individuelle Lernpläne nach Lernzielen. Aber da sind wir noch lange nicht.

Das Problem wird in jedem Fall nicht dadurch gelöst, das einzelne in Schulformen verfrachtet werden, die ihren Bedürfnissen in keinster Weise gerecht werden. Die oben genannten Grundrechte werden dadurch nur oberflächlich gewahrt.

Inklusion – Soll Henri (Tim) aufs Gymnasium gehen? was last modified: Januar 28th, 2015 by Heptopus
 

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