Inklusion – was ist das?

Inklusion bedeutet Teilhabe an der Gesellschaft. Inklusion bedeutet Selbstbestimmung und Autonomie. Inklusion bedeutet Abbau und Abriss von Grenzen und Barrieren. Entgegen der landläufigen Meinung bezieht sich der Begriff Inklusion nicht nur auf Menschen mit Behinderung, sondern auch auf Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung, alte und kranke Menschen, verschiedene religiöse Ansichten, sprich auf alle Menschen, die außerhalb des alltäglichen Gesellschaftslebens stehen (müssen). Leicht ist ersichtlich, das in verschiedenen Kulturen verschiedene Menschen ausgegrenzt werden, darum ist der Inklusionsbegriff keine starre Formulierung, sondern flexibel – er bezieht sich immer auf die Gesellschaft, auf die er angewendet wird.
Wenn ich hier von Inklusion rede meine ich jedoch, der Einfachheit halber, immer die Inklusion von Menschen mit Behinderung.

Durch das 2008 in Kraft getretene „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung“ ist die Inklusion quasi ein Menschenrecht geworden. Zum ersten Mal sind deren Rechte nun international geregelt und auch auf internationaler Ebene einklag- und durchsetzbar. Es steht nicht mehr die Betrachtung der Menschen als „Kranke, denen geholfen werden muss“ im Vordergrund sondern wie alle anderen als von Geburt an mit Rechten ausgestattete Menschen.

Das führt natürlich zu Problemen, wir hatten ja schon die Integration in Deutschland. Da waren wir eigentlich ganz zufrieden mit, wir haben einigen behinderten Kindern „normale“ Kindergartenplätze gegeben, haben einige behinderte Erwachsene in Büros die Post öffnen lassen und haben uns damit eigentlich ganz gut gefühlt. Wir hatten einige integrierte Vorzeigebehinderte und fanden uns super. Viele andere Behinderte, besonders im beruflichen Bereich, wurden mit Hinweis auf ihre Defizite als untauglich aussortiert, mehr oder weniger unverblümt. Gründe finden sich leicht. Wie kommt der auf die Arbeit? Wie kommt der ohne Hilfe die Treppe hoch? Ich bin mir nicht sicher, eigentlich ist der ja nur querschnittsgelähmt, aber MUSS MAN DA NICHT AUCH EIN BISSCHEN DUMM SEIN? Und ein „normaler“ Kindergarten, eine „normale“ Schule, die ahnten wohl das sie auf Grund ihrer personellen Situation einfach überfordert sein würden. Und formulierten das auch so.

Deutschland hat diese Konvention 2009 ratifiziert, und Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn vorher jemand darüber nachgedacht hätte was er da tut. Ich möchte das hier nicht ablehnen, nein, ganz im Gegenteil, ich finde es gut, und ich finde es sollte selbstverständlich sein, aber so ist es halt nicht.
Inklusion bedeutet nämlich auch, das alle öffentlichen Gebäude mit einem Rollstuhl erreich- und betretbar sein müssen, Inklusion bedeutet Selbstbestimmung und Autonomie! Und anstatt dieses ehrenvolle Ziel mit deutscher Gründlichkeit anzugehen wurde einfach unterschrieben. Nun werden Zuständigkeiten hin- und hergeschoben. Der Bund ratifiziert ein Menschenrechtsabkommen, die Länder müssen es umsetzen. Chaos ist vorprogrammiert. Das ist wohl am deutlichsten sichtbar wenn man sich die Inklusion an Schulen anschaut, vielleicht ist einem ja der „Fall Henry“ ein Begriff. An den meisten Schulen gibt es nicht die Voraussetzungen, die Menschen mit Behinderung brauchen um „inkludiert“ zu sein. Es gibt die Barrierefreiheit nicht. Es gibt nicht das Personal mit entsprechender Qualifikation, um sie WIRKLICH an Hand ihrer Ressourcen zu fördern. Es gibt die persönliche Assistenz nicht, die eventuell nötig ist, ihnen die Teilnahme und Teilhabe am Unterricht zu ermöglichen. Die Bundesländer sagen: „Wir brauchen enorm viel mehr Personal, um diese Aufgabe zu meistern“ und der Bund zuckt mit den Schultern. Schulpolitik ist Ländersache. Ein Entscheidung auf Bundesebene, getroffen für Länderebene, ohne Möglichkeit sie zu finanzieren. Mal ganz davon abgesehen, dass das benötigte Personal auch einfach gar nicht existiert.

Die Inklusion, von seiten des Gesetzgebers, ist gescheitert – zumindest vorerst. Was kann ich also tun, um Inklusion voran zu bringen? Welche Barrieren kann ich abbauen? Ich kann mit meinem eigenen Kopf anfangen. Ich kann anfangen, die Menschen um mich mit offenen Augen anzusehen und mich zu fragen: „Was kann er/sie?“ oder auch „Was kann ich tun, um ihm/ihr zu ermöglichen, etwas selbst zu können?“ Vielleicht reicht es schon, jemandem zu helfen, selbst einen Löffel zu halten, oder sich selbst in den Rollstuhl zu setzen, auch wenn ich ihn dann schiebe. Nicht zu sagen: „Das können sie nicht!“ sondern: „Sie könnten das und das tun.“
Wenn sich diese Denkweise in den Köpfen festsetzt werden in Zukunft Bahnhöfe gebaut, die jeder erreichen kann, ohne das es dafür ein Gesetz geben muss.

Inklusion – was ist das? was last modified: Januar 28th, 2015 by Heptopus
 

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