Persönliche Assistenz III – Ein ganz normaler Morgen

Sowas gibt´s nur Samstag
Unser gemütliches Frühstück

Die ganze Woche war ich in der Schule, heute (Samstag) war ich arbeiten und morgen (Sonntag) gehe ich wieder arbeiten. Alle 3 Wochen habe ich einen Samstag frei. Man muss ja von irgendwas leben und ein bisschen Berufserfahrung schadet ja auch nicht. Zu Hause warten meine Freundin und mein mich treu liebender Hund 😉 Die meiste Zeit über bin ich ziemlich kaputt, aber in der Ausbildung gebe ich trotzdem Gas; das ist das Zeugnis mit dem ich mich bewerbe. Meine Arbeit mache ich gerne und nach Hause zu meinen beiden lieben komme ich auch gerne, aber heute möchte ich jammern. Eigentlich habe ich keinen Grund dazu, denn ich bin ziemlich zufrieden mit meinem Leben. Aber irgendwie ist jammern ja auch Selbstschutz. Wenn die Leute denken, dass man zufrieden ist oder sogar glücklich denken sie, man hätte freie Kapazitäten und dann wird man schnell unglücklich, denn man kann ja nicht nein sagen. Also muss man hin und wieder jammern, auch wenn es eigentlich nicht so schlimm ist, oder wie Jürgen sagen würde: „Es war schon schlimmer.“

Also sieht es so aus: morgen werde ich ganz normal aufstehen, das heißt, ich stehe auf, wenn Heptopek der Hund befindet, das ich lange genug geschlafen habe. Den Morgen verbringe ich mit Müßiggang, das heißt ich gebe meiner Ethik-Hausarbeit den letzten Schliff. Zwischendurch versuche ich ausgiebig zu frühstücken, das heißt zwei Eier und zwei Brötchen. Meine Freundin ist auch irgendwann aufgestanden und ich lasse ihr die Zeit, die sie braucht, um wach zu werden, bevor ich sie ernsthaft anspreche, meistens jedenfalls. Und ehe ich mich versehe ist es auch schon 15 Uhr und ich beginne, hektisch meine Tasche zu packen, denn da muss einiges rein; ich weiß eigentlich nie was mich erwartet. Manchmal sitze ich nur rum wenn Jürgen keinen Bock auf Gesellschaft hat, dann stehe ich nur auf um ihm etwas anzureichen. Manchmal hat er Lust sich zu unterhalten und manchmal sind wir auf Achse. Also muss alles rein was ich brauche, denn ich bin lange da: ab 16 Uhr, über Nacht, bis acht.

Also kommt der Laptop mit, die Maus, das Ladekabel fürs Handy, ein Getränk, evtl. etwas fürs Abendessen, Klamotten. Manchmal auch noch was für die Schule. Der Rucksack wiegt dann so 6-8 kg, je nachdem. Dann stiefel ich los, 10 Minuten zur Bahn, 15 Minuten mit der Bahn, 10 Minuten zu Fuß, klingeln, zweiter Stock, Rucksack ab, Hallo sagen, anhören was geplant ist, machen was geplant ist, oder nichts machen. Falls wir nichts machen hin und wieder trinken anreichen, hin und wieder beim Pinkeln helfen.

Gegen 20 Uhr isst Jürgen, also vorher Essen machen, zwischendurch die Bude in Schuss halten und Wäsche machen.
So um 22 Uhr geht Jürgen ins Bett, so gegen 23 Uhr bin ich damit fertig ihn ins Bett gehen. Dann brauche ich noch eine Stunde, manchmal 1 1/2, bis ich schlafen kann. Manchmal geht auch das nicht, Jürgen redet im Schlaf und ich bin völlig konditioniert wach zu werden, oder zu bleiben, wenn er spricht. Gegen zwei schlafe ich aber relativ sicher.
Um 5.30 Uhr klingelt dann der Wecker. Ich wache auf und schüttele meinen Speck. Ich könnte noch ein bisschen länger schlafen, aber eine halbe Stunde macht mich auch nicht wacher und ich mag mich morgens eigentlich nicht so richtig stressen. Ich schlurfe zu Jürgens Zimmer, klopfe kurz an und gehe rein, versuche ihn erst möglichst sanft zu wecken, aber manchmal benötige ich doch etwas mehr Nachdruck. Morgens ist Jürgen wie meine Freundin, also halte ich die Klappe und frage nicht, wie er geschlafen hat. Ich mache das Radio an und gehe in die Küche um Kaffee zu kochen. Einen trinke ich, dann putze ich meine Zähne, dann gehe ich wieder zu Jürgen. Ich frage ihn kurz, ob er bereit ist, diesen wundervollen Tag mit mir zu begrüßen und er schaut mich böse an. Ich singe irgendwas im Radio mit und Verachtung mischt sich in seinen Blick. Ich nehme die Decke und hänge sie an die Seite. Den Teil der Pflege schenke ich mir an dieser Stelle. Denkt euch euren Teil. Es gibt schöneres um kurz nach sechs. Den Duschstuhl holen, Transfer Bett -> Duschstuhl, duschen, Transfer Duschstuhl-Bett, ankleiden Transfer Bett -> Rollstuhl, Schuhe an, Brille auf und ab ins Wohn-/Esszimmer. Ich hole Jürgen einen Kaffee und mir einen zweiten und ich hole Jürgens Essen. Morgens, unter der Woche ist das nicht viel. Er will nur einen Pudding. Für mehr müssten wir früher aufstehen, Essen braucht seine Zeit und da hat er keinen Bock drauf. War spät gestern. Mittlerweile hat sich Jürgens unspezifischer, morgendlicher Hass gelegt und wir unterhalten uns ein wenig. Ich singe noch ein wenig und
gegen 6.45 Uhr sind wir fertig mit Essen und Kaffee und gehen ins Bad. Dort putze ich Jürgen die Zähne und rasiere ihn. Jürgen hat ungefähr meinen Bartwuchs, also fast keinen, aber der Herr möchte morgens frisiert und rasiert werden, also mache ich meine Arbeit.
7.00 Uhr sind wir fertig, ich sprinte in die Küche und mache den Abwasch. Kaffee!
7.05 Uhr ich packe meine Tasche, Laptop, Ladekabel, Klamotten, evtl. Tupperdosen, Jürgens Jacke an, meine Jacke an, Rucksack an. Mist, Ladekabel Nr. 2 vergessen, Rucksack ab, Ladekabel rein. Das Telefon klingelt, der Fahrdienst ist da, wie immer zu früh. Unten wartet ein wütender Fahrer, wir haben ab 7 Uhr fertig zu sein. Ich habe keine Lust zu diskutieren und sage nur: „Eigentlich hieß es ja 7.20 Uhr. (Du Depp)“
7.30 Uhr sitze ich in der Bahn, um 8.00 Uhr bin ich zu Hause. Dort wecke ich mit diebischer Freude Heptopek, den Hund, um ihn auszuführen. Draußen verspeist er 1-2 Haufen von konkurrierenden Artgenossen (Heptopek, AUS!), was mich immer maßlos ärgert.
8.25 Uhr sind wir wieder zu Hause und ich gebe dem Hund sein zweites Frühstück. Meine Freundin ist mittlerweile wach und sie sieht mich genauso an wie Jürgen, aber egal, ich bin großartig, das jedenfalls lässt der Schlafmangel mich glauben. Ich trinke Kaffee. Ich dusche. Ich packe meine Tasche.

Um 9.04 sitze ich, durch die Übermüdung mittlerweile völlig euphorisch, in der Bahn. Falls sie kommt. Sonst stehe ich völlig aufgedreht am Bahnhof. Ich bin auf dem Weg in die Schule, dort bleibe ich bis 16 Uhr, aber mir geht´s super, ich bin zufrieden, ich will nicht jammern. 24 Stunden später, ein ganz normaler Morgen.

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Persönliche Assistenz III – Ein ganz normaler Morgen was last modified: Februar 3rd, 2015 by Heptopus
 
Mein Name
Tobias Heucken

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