Persönliche Assistenz IV – Die Rasur

The shave
The shave

Ich habe gestern Jürgen rasiert. An und für sich ist das nichts Ungewöhnliches, da ich ihn immer rasiere, wenn ich morgens bei ihm bin. Es gefällt ihm nicht einmal besonders gut, aber er möchte das so, auch wenn er nach fast zwei Jahren immer noch nicht das nötige Vertrauen in meine Fähigkeiten hat um sich dabei zu entspannen. Ich nehme an, er hält mich insgeheim für einen Trottel – sollte ich mal ein Zeugnis von ihm bekommen würde darin stehen: „Herr Heptopus war stets bemüht.“

Nun ja, wie gesagt, es ging ums Rasieren. Ich fragte Jürgen also, wie er das finden würde, wenn ich uns dabei auf Video aufnehme und er war begeistert. Wir drehten ein paar Probe-Filmchen, weil ich keine Ahnung hatte was ich tun musste, aber nachher war ich auch nicht schlauer. Die Kamera vom Laptop hat eine ziemlich miese Qualität, aber ich sah mich nicht in der Lage dazu, einen Kopf, einen Rasierer und ein Handy zu halten. Jürgen fand das auf jeden Fall alles ziemlich langweilig und war schon dabei, wieder das Interesse zu verlieren, als ich es dann doch geschafft hatte. Ich gab ihm den freundlichen Hinweis, sich mal selbst zu beobachten und er war total fasziniert.

Ich baute einen kleinen Turm im Bad auf aus einem Stuhl und einer Kiste Bier und stellte den Gerät drauf. Nach ein wenig Feinjustierung hatte ich uns beide im Bild und Jürgen bewunderte sich selbst. Erstaunlich. Eigentlich kann er den Kopf gar nicht ohne meine Hilfe nach rechts drehen. Manchmal nimmt er mich halt auf die Schippe, oder der Reiz war bisher nicht stark genug. Für Jürgen muss das was ganz tolles gewesen sein, sich da selbst zu sehen, Spiegel interessieren ihn in der Regel nicht die Bohne. Aber mit Computer und so, da stand er im Mittelpunkt und ich wollte ja auch was von ihm, und ein wenig Eitelkeit schimmerte durch bei der Frage, ob er gut aussehen würde.

Ich begann meine Vorbereitungen, Handtuch um den Hals, aber nicht wie ein Lätzchen, sondern mehr wie beim Friseur, auch so mit diesem Schwung den die drauf haben, zumindest versuche ich es. Das Zähneputzen wollte ich nicht filmen, aber Jürgen bestand darauf. Er wollte alles haben. Sendezeit. Dschungelcamp, Dschungeljürgen, Jürgenzeit, alles zeigen, auch das Blut. Also gut, mir sollte es recht sein. Beim Zähneputzen schwante mir schon, wie das Rasieren sein würde: Jürgen versicherte sich die ganze Zeit, ob er gut aussah, und dazu musste er den Kopf drehen. Es kam natürlich nicht in Frage, einen Peon wie mich vorher zu informieren. Bereite er sich besser vor, oder ich lasse ihn auspeitschen, hörte ich es in meinem Kopf.

Er war aber dann mit dem ersten Take direkt glücklich und ich machte weiter. Rasierschaum drauf, Rasierer raus und um Aufmerksamkeit betteln. Jetzt hatte er sich aufs Kichern verlegt, der weiße Bart schien ihm zu gefallen, aber er machte es mir netterweise nicht schwerer als nötig. Ich hätte ihm sonst ungern sein Gesicht gezeigt. Wir schauten uns anschließend das Video nochmal an, es dauert ungefähr 12 Minuten, und immer wenn er sich kichern sah, musste er kichern.

Heute sitze ich hier und mache mir Gedanken darüber, warum er das so toll fand. Er sitzt drüben und schaut fern und möchte seine Ruhe. Eigentlich wollte er heute zu seiner Verlobten, aber er war gestern da; er findet in ihrer Wohnung stinkt es, und ich muss ihm zustimmen. Er denkt darüber nach, wie er ihr das schonend beibringt. Also Zeit, mir meine Gedanken zu machen. Während ich dann vorhin das Bad putzte, fiel mir mal wieder auf, wie hoch der Spiegel hängt und das er sich da nicht drin sieht. Wie oft hat er sich denn schon im Spiegel gesehen? Ein wenig vorher schrieb ich, es interessiere ihn nicht. Aber ist das denn wirklich so? Fotos schaut er sich auch nur selten an, wie ist es denn um sein Selbstbild bestellt? Findet er sich schön, weiß er wie er aussieht? Das sind alles so Selbstverständlichkeiten, das ich kaum darüber nachdenke.

Mir kam das vor wie Albernheiten, das er am Kichern war und laufend den Kopf drehte, in eine Richtung, in die er ihn sonst nicht drehen kann/will, aber wer weiß, vielleicht geht das ja doch ein wenig tiefer. Ich frage ihn ja auch nie, ob er zufrieden ist mit seiner Rasur/Frisur/wasauchimmer. Er kann es ja nicht überprüfen. Wenn ich mir so meine Gedanken über Selbstbestimmung und Menschenbild mache achte ich eigentlich nicht auf sowas. Vielleicht, nein, bestimmt ist das ein Fehler. Ich mache mir da jetzt keine großen Vorwürfe, es ist eine Selbstverständlichkeit für mich, in den Spiegel schauen zu können, darum prüfe ich nicht, ob der eine da jetzt richtig hängt. Jürgen soll diese Möglichkeit auch haben, darum werde ich den Spiegel anders aufhängen (heißt: ich rufe den Hausmeister an, damit er das macht, ich darf hier nicht einmal ein Glühbirne reindrehen). Jürgen soll sich sehen.

 

Persönliche Assistenz IV – Die Rasur was last modified: Februar 3rd, 2015 by Heptopus
 

Price:
Category:     Product #:
Regular price: ,
(Sale ends !)      Available from:
Condition: Good ! Order now!

by

Schreibe einen Kommentar