Persönliche Assistenz V – Der Leistungsverweigerer

Antikapitalist
Antikapitalist

Unser leistungsverliebtes, turbokapitalistisches System bekommt ein Problem, wenn Leute wie Jürgen existieren. Denn Jürgen ist der ultimative Leistungsverweigerer. Rein utilitaristisch betrachtet hat Jürgen eigentlich keine Existenzberechtigung.

Aber wir sind nicht im dritten Reich und auch, wenn in unserer Gesellschaft vieles verbesserungswürdig ist (was es immer ist, solange wir keine Utopie leben), so macht doch vieles auch Mut. Menschen wie Jürgen verweigern sich dem System auf eine derartige Art und Weise, das es ihnen nichts entgegenzusetzen hat. Er ist auf derartig schwere Art und Weise behindert, das er keinen Mehrwert im ökonomischen Sinne hat.

Schlimmer noch: er blockiert sogar einen bzw. mehrere Leistungsträger, die ohne ihn wahrscheinlich einer Arbeit nachgehen würden, die ihnen ein höheres Einkommen einbringt, was wiederum bedeuten würde, dass sie mehr konsumieren können. Jürgen zerstört diese Rechnung und lässt dabei keinen Widerspruch zu. Würde man Jürgen alleine lassen wäre es bald um ihn geschehen und die Kosten wären minimiert und die Ressourcen, die für ihn aufgewendet werden, wären frei. In jedem Fall trägt Jürgen nichts bei, er hat keinen Mehrwert zu bieten.

Das es nicht so ist macht Mut. Es zeigt, das wir in einer (relativ) humanen Gesellschaft leben, die sich gegen ihren eigenen Tod wehrt; die dem Sterben sehr nah sein mag, aber noch zuckt. Sie ist weit von Perfektion entfernt, aber das wir die Fragen, die Jürgen an das System stellt, mit „Ja“ beantworten können, macht Mut.

Denn er beugt sich den Anforderungen nicht, die jedem Menschen heute gestellt werden: Leistung zu bringen oder sich nicht als vollwertiges Mitglied empfinden zu dürfen – das ist das Gefühl, das wir heute vermittelt bekommen. Es ist kein Problem, wenn eine 16-jährige Praktikantin alleine auf eine Gruppe Kinder aufpassen soll, weil gerade nicht genug Personal da ist. Sie macht das gerne, sie findet das normal, auch wenn es nicht richtig ist und sie ist stolz, dass das System ihre Leistungsbereitschaft mit einem scheinbaren Lob belegt: „Aus Dir wird mal ein kräftiges Tier! Du arbeitest und stellst nicht viele Fragen!“

Ein/e Kassierin im Supermarkt drückt 5 Tage die Woche ein Auge zu, wenn sie Überstunden macht; sie sticht einfach zu ihrer regulären Arbeitszeit aus. Sonst macht halt jemand anderes ihren Job, der/die Willigste bekommt den Zuschlag. Von Pflegekräften will ich überhaupt nicht erst wirklich anfangen – Doppeldienst, Unterbesetzung, man kommt gerne aus dem Frei… Wir drehen alle mit an dem Rad und schauen herab auf jeden, der unter uns steht und dreht.

Jürgen hält das Rad für einen Moment an und zeigt auf die Solidargemeinschaft, die es vielleicht einmal gab, von der heute allenfalls noch Reste da sind. Er fordert, ohne zu geben, er fordert es als Recht das ihm zusteht ein, das ihm geholfen wird, ohne das er eine Gegenleistung zu bieten hat – und das ist auch gut so. Jürgen kann nichts geben und er kann nichts dafür (ok, Jürgen möchte auch nicht, denn er kann ein Arsch sein, aber das ist ein anderes Thema). Und wir akzeptieren das.

Er verhöhnt auf seine Weise ein System, in dem nur Leistung belohnt wird und auch das nur zum Schein – es macht mehr denn je den Eindruck, das die, die die meiste Arbeit verrichten, immer weniger dafür bekommen. Sie werden bewusst unglücklich und unzufrieden gehalten, es werden ihnen immer neue Träume vorgehalten, die sie nie erreichen können, damit sie weiter das Rad drehen. Ganz unten ist die Arbeit, ganz oben ist der Lohn und die Anerkennung, und von oben nach unten wird gespuckt.

Und wir wollen das neue iPhone ebenfalls, obwohl wir nicht einmal unsere Miete zahlen können.

Denn es ist doch klar: es gibt bestimmt einen Grund dafür, das die da unten sind, wo sie sind. Vielleicht haben sie sich in der Schule nicht genug angestrengt. Vielleicht hatten sie aber auch keine reichen Eltern (das alleine kann man natürlich niemandem vorwerfen). Sie werden es schon verdient haben. Denn der/die Erzieherin, der/die Pflegerin, na ja, also die machen ja nicht wirklich viel außer Kaffee trinken, den Job könnte ja jeder machen. Das möchte ich sehen. Leistung wird umdefiniert, jemand der sein Gesicht in eine Kamera hält bekommt viel, jemand der 1 Milliarde erbt muss einfach nicht mehr nachdenken was er tut – es wird ihm als berechtigt zugestanden.

Jürgen passt nicht in dieses System, also warum hilft es ihm dann? Sind das die Reste eines schlechten Gewissens? 

Ich bin 100% gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen, ich bin auch gegen alles, was sich nur so ähnlich anhört, finde aber, das „Leistung“, der „Mehrwert“ den ein Mensch einer Gesellschaft bringt, nicht alles sein kann, wonach die Gesellschaft ihn beurteilt und ihm Rechte und Unterstützung zugesteht und gewährt. Ich bin dafür, das jeder, der dazu in der Lage ist, seine Fähigkeiten einbringen sollte, und zwar in einem Maße, das ihn mit anderen ein Stück weit vergleichbar macht. Es muss Menschen aber auch möglich sein, sich auf ihre Mitmenschen zu verlassen, falls sie Hilfe benötigen und das kann vieles Gründe haben.

Was alles kann einen Menschen aus der Bahn werfen, ohne das er etwas dafür kann? Nicht jeder Mensch ohne Einkommen ist faul. Nicht jeder Drogensüchtige ist ein schwacher Mensch, der schon irgendwie selbst Schuld sein wird an seiner Lage und da gefälligst selbst raus kommen soll. Haben sie es nicht verdient, das die Gesellschaft ihnen den Rücken stärkt, ohne die Leistungsfrage zu stellen, ohne das sofort Sozialneid aufkommt? Und jeder Mensch mit Behinderung hat das Recht auf den gleichen Wohlstand und die Teilhabe an der Gesellschaft wie jeder andere auch.

Das Inklusion heutzutage zum Thema geworden ist stimmt mich hoffnungsvoll. Auch wenn es nur wenig Hoffnung ist. Pflegekräfte und andere Arbeitnehmer bekommen nicht das, was sie verdienen und sind nicht einmal in der Lage, ihre berechtigten Forderungen durchzusetzen (hat ein Pilot eigentlich eine Idee, was passiert, wenn Krankenhauspersonal streikt während er seinen Porsche in ein Stauende setzt?). Aber es wird auch (noch) nicht alles stillschweigend hingenommen. Es wird immerhin darüber geredet. Und auch, wenn die Umsetzung mangelhaft ist, so mangelhaft, das man fast Vorsatz unterstellen könnte, wird an der Barrierefreiheit unserer Gesellschaft gearbeitet.

Ich glaube, viele Probleme entstehen aus Gedankenlosigkeit – keine Rampe zu bauen, Türen zu schmal zu bauen, das wurde nicht mit Absicht gemacht. Auch der Umstand, das jemand der in Not gerät nicht die Hilfe bekommt, die er benötigt, ist vielmals keine böse Absicht. Es ist einfach jeder mit sich selbst beschäftigt. Wir haben uns in einem System eingerichtet, das uns nicht gut tut und es muss einem, wie in Jürgens Fall, sehr deutlich vor Augen geführt werden. Heute zweifelt niemand mehr allen Ernstes an, das er die gleichen Rechte hat wie Du und ich. Aber dann drehen wir uns, nach einer Runde Mitleid, wieder um und drehen weiter an dem Rad.

Eine Gesellschaft sollte immer danach beurteilt werden, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.

Bei allem, was uns heute präsentiert wird, was wir besitzen müssen sollen, um glücklich zu sein, vergessen wir einfach die Menschen um uns herum. Wir beneiden den, der mehr hat, und freuen uns, wenn es noch jemanden gibt, der weniger hat. Wir jagen Dingen nach, die wir nicht brauchen. Jürgen macht da nicht mit und wir akzeptieren das, zum Glück, und davon bräuchten wir ein bisschen mehr. Wir bräuchten mehr von der Akzeptanz, das Leistung und Mehrwert eines Menschen nicht alles sind, nach dem wir ihn beurteilen sollten und er trotzdem ein Recht hat, Teil unserer Leben zu sein. Ein wertvoller Mensch, ohne Mehrwert. Einfach mal nicht mitmachen. So wie Jürgen, der olle Leistungsverweigerer.

Persönliche Assistenz V – Der Leistungsverweigerer was last modified: Februar 4th, 2015 by Heptopus
 

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