Persönliche Assistenz

Ich arbeite für einen ambulanten Pflegedienst im Bereich der persönlichen Assistenz. In früheren Jahren war ich an einer Schule tätig, auch im Rahmen der PA, allerdings nannte man uns damals noch Integrationshelfer. Im Laufe der Zeit sind mir viele Dinge aufgefallen, die ich erschreckend fand und auch heute noch finde und ich habe selber viel dazu gelernt, nicht zuletzt im Rahmen meiner Ausbildung zum Heilerzieher.
Es hat lange gedauert, bis ich selbst bereit war, einige wichtige Dinge zu akzeptieren und auch schätzen zu lernen, so wie: es ist unglaublich wichtig, welches Menschenbild man hat.

Wie sehe ich den Menschen, der vor mir steht? Als Mensch? Als Mensch mit Behinderung? Als Behinderten?
Auch wenn ich der Meinung bin, das Sprache das denken formt, glaube ich, es ist auch in die andere Richtung so. Wie denke ich über den Menschen, auch wenn ich der Einfachheit halber eine Formulierung wähle, die nicht exakt ist? Wenn ich Behinderter sage, aber Mensch meine. Für mich ist wichtig geworden auf meine Sprache zu achten, wenn ich vereinfachende Formulierungen wähle, sie mir bewusst zu machen und auch darauf zu schauen, wie sie von anderen aufgenommen werden. Werde ich richtig verstanden? Trete ich jemandem zu Nahe, oder mache ich mich gar mit jemandem oder einer Sache gemein durch meine scheinbare sprachliche Abwertung, mit dem ich nichts zu tun haben möchte?
Also, mein Menschenbild definiert meine Arbeit, denn nichts anderes ist die persönliche Assistenz für mich. Ich mache diese Arbeit nicht aus Mitleid, oder weil ich ein guter Mensch bin, sondern weil ich es gut kann, es mir Spaß macht und – ich bekomme Geld dafür. Mir war aber schon immer wichtig, auch in der Zeit in der ich Burger gebraten habe, das ich meine Arbeit gut mache. Das ist mein eigener Anspruch.
Mein Menschenbild definiert meine Arbeit und also auch direkt die Qualität meiner Arbeit.
Ich sehe also den Menschen vor mir und schaue: „Was kann der?“, und leider, es ist nicht viel. Schwere geistige, schwere körperliche Behinderung. Anfangs habe ich meine Arbeit anders wahrgenommen und gefragt: „Was kann der nicht, was muss ich für ihn machen?“ Ich habe alles gemacht, die Zeit verschönt, Entscheidungen getroffen. Ich habe ihn betreut. Es ging auch einfach viel schneller so. Irgendwann habe ich begonnen umzudenken. Im Gegensatz zur Altenpflege habe ich den Luxus, sehr viel Zeit für einen Menschen zu haben. Die habe ich mir dann genommen und genauer hingesehen.
Kleinigkeiten: wenn er sonst schon nichts kann, dachte ich mir, er kann ja sprechen und er isst gerne. Also haben wir angefangen sein Essen zu planen. Was gibt es? Schweigen, angestrengtes Denken. Also habe ich einfache Anregungen gegeben: warm oder kalt? Warm. Mit Fleisch oder ohne? Mit. Gemüse? Ja. Und so haben wir uns durchgearbeitet zu Schnitzel mit Pommes und irgendwann auch kreativeren Gerichten.
Kleinigkeiten: ich habe früher immer die Freizeit geplant. Mache ich heute nicht mehr. Warum? Soll er selbst machen. Er kann es. Er weiß was ihm Spaß macht. Klar, es ist einfacher wenn ich das tue. Manchmal hat er aber auch keine Lust. Ist auch ok. Wenn er heute was absagt ist es wenigstens seine Schuld, die Konsequenz kennt er – Fahrten für den Beförderungsdienst verfallen, bereits bezahlte Karten bleiben bezahlt. Und ich suche wenigstens nichts aus was uns beiden nicht gefällt.
Kleinigkeiten: wenn er nicht die Zähne putzen will, dann putzt er nicht die Zähne, bzw. ich putze nicht seine Zähne. Es sind seine! Er weiß das er zum Zahnarzt muss und es ist seine Entscheidung. Ich kann und will ihn zu nichts zwingen. Klingt erstmal hart, aber ich bin seine Assistenz, nicht sein Vormund.
Kleinigkeiten: der Kühlschrank ist leer, ich sage ihm das. Es ist ihm heute egal. Mir auch. Morgen muss er dann, egal wie das Wetter ist. Er weiß Bescheid.
Er hat eine schwere, geistige Behinderung, aber er ist nicht dumm. Und er ist erwachsen. Mir ist es ein Graus, wenn meine Arbeit missverstanden wird. Ich überlasse ihn nicht sich selbst, ich lasse ihn selbst Entscheidungen treffen. Ich bin nicht faul, es ist nicht leicht auszuhalten wenn etwas so viel Zeit benötigt, das man selber in 3 Minuten fertig hätte. Dafür macht er wieder mehr Dinge selbst. Kleinigkeiten halt.
Auch etwas lassen zu können ist etwas machen.
Heute ist meine Arbeit einfacher, und unser Verhältnis ist besser. Ich bin nicht sein bester Kumpel, und auch nicht sein „Lieblingsbetreuer“, aber unser Verhältnis hat eine entscheidende Qualität: er teilt mir seine Bedürfnisse mit und akzeptiert nicht nur, was ich für ihn entscheide. Dafür langweile ich mich wieder mehr.

Persönliche Assistenz was last modified: Januar 8th, 2015 by Heptopus
 

Schreibe einen Kommentar