Pflegemodelle I – Selbstpflege

Das Konzept der Selbstpflege geht auf Dorothea Elizabeth Orem zurück, eine Pflegewisschenschaftlerin aus den USA, die in ihrem 1971 erschienenen Buch „Nursing: Concepts of practice“ (Krankenpflege: Konzepte der Praxis) die Theorie vorstellte. Ihren Überlegungen liegen drei Fragen zu Grunde:

  1. Wie handeln Pflegekräfte, und was sollten sie als Ausübende der Pflege tun?
  2. Warum handeln Pflegekräfte, wie sie handeln?
  3. Was ist das Ergebnis dieses Handelns?

Das Modell stellt einen übergeordneten Bezugsrahmen dar, der drei Theorien mit dem Schwerpunkt Selbstpflege zusammenfasst:

  • Theorie der Selbstpflege (Selbstpflegekompetenz und -erfordernisse, situativer Pflegebedarf)
  • Theorie des Selbspflegedefizits
  • Theorie der Pflegesysteme (Pflegekompetenz und -systeme, Methoden des Helfens)

Theorie der Selbstpflege:

Selbstpflege ist das persönliche für sich sorgen, das Individuen jeden Tag benötigen, um ihr allgemeines Funktionieren und ihre Entwicklung zu regulieren. (Orem 1997, 9)

Unter Selbstpflege werden bewusste und gezielte Handlungen verstanden, die, entweder selbst oder mit Hilfe von Angehörigen, Freunden und Bekannten, durchgeführt werden, um den Anforderungen des alltäglichen Lebens (Gesundheit, Entwicklung, Wohlbefinden) gerecht zu werden. Hierzu gehören essen, trinken, Körperpflege, aber auch Kinobesuche, Behördengänge usw.. Unter Selbstpflege werden aber auch Handlungen verstanden, die dazu dienen, negative menschliche Bedingungen zu kontrollieren, also eine Abhängigkeit in den Griff zu bekommen oder Schmerzen zu lindern. Zusammengefasst ist Selbstpflege durch drei Fragen beschrieben:

  • Einschätzung (Was?)
  • Entscheidung (Was? Wie?)
  • Durchführung (Wie konkret?)

Orem geht davon aus, das Menschen einen Drang zur Selbsterhaltung spüren, der durch Selbstpflegehandlungen erhalten wird. Sie bezeichnet die handelnden Personen als

„Selbstpflegehandelnde“ (Orem, 1997, 112), die physisch, psychisch und kognitiv dazu in der Lage sind, eine Einschätzung, eine Entscheidung und eine Durchführung vorzunehmen. (Pflegemodelle, Pflegetheorien, Pflegekonzepte, Sander/Schneider, S. 17, Brake, Prodos Verlag 2012)

  • Selbspflegekompetenz:

Um Selbstpflege erfolgreich durchzuführen muss ein Mensch über die geeigneten Fähigkeiten verfügen, folgende Tätigkeiten ausführen zu können: beeinflussende Faktoren einschätzen (einschätzende Tätigkeit), eine Entscheidung über durchzuführende Maßnahmen treffen (transitive Tätigkeit), Durchführung und Überprüfung der Maßnahmen (produktive Tätigkeit).

Die Selbstpflegekompetenz umfasst 10 Komponenten:

1. Aufmerksamkeit/Wachsamkeit

2. Kontrollierter Einsatz von Energien

3. Kontrolle von Körperhaltungen

4. Wissenserwerb

5. Logisches Denkvermögen

6. Motivation

7. Entscheidungsfindung

8. Fertigkeiten

9. Zeiteinteilung

10. Integration

Dependenzpflege und Dependenzpflegekompetenz:

Mit Dependenzpflege sind Tätigkeiten, Handlungen und Hilfestellungen in Bezug auf Selbstpflege-Erfordernisse gemeint, die ein anderer als der zu Pflegende selbst durchführt. Hierbei sind immer die nicht-Fachkräfte gemeint, also Angehörige, Freunde, Bekannte. Die Dependenzpflege-Kompetenz hingegen wird von Fachkräften beschrieben, sie beurteilen welche Möglichkeiten den Dependenz-Pflegenden zur Verfügung stehen und wo sie eventuell fachliche Unterstützung benötigen.

  • Selbstpflege-Erfordernisse und Selbstpflege-Ziele

1. Allgemeine Selbstpflege-Erfordernisse sind bei allen Menschen gleich. Sie dienen der Aufrechterhaltung der Körperfunktionen (Atmen, Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme…)

2. Gesundheitsbedingte Selbstpflege-Erfordernisse  treten zum Beispiel bei Krankheit oder medizinischen Diagnosen auf (Diabetes: Überwachung des Blutzucker-Spiegels, angemessene Gabe von Insulin, Achtsamkeit bei der Auswahl von Nahrungsmitteln)

3. Entwicklungsbedingte Selbstpflege-Erfordernisse verändern sich im Laufe eines Lebens. So hat ein Säugling zum Beispiel andere Ansprüche an einen Dependenz-Pflegenden als ein Erwachsener. Eine grobe Einteilung kann wie folgt aussehen: Säugling, Kleinkind, Jugendlicher, Erwachsener. Die Unterscheidung ist jedoch nicht eindeutig und schwierig zu treffen und erfordern ein genaues Ermitteln des Bedarfs.

Selbstpflege-Defizit:

  • Situativer Selbstpflege-Bedarf:

Beim situativen Selbstpflege-Bedarf geht man davon aus, das er zeitlich begrenzt ist. Dieser Bedarf kann zum Beispiel durch einen Unfall entstehen (Knochenbruch) und den zu Pflegenden vorübergehend in die Situation versetzen, auf Hilfe angewiesen zu sein. Er muss genauso ermittelt und angepasst werden, wie alle anderen Selbstpflege-Bedürfnisse und -Erfordernisse. Der situative Selbstpflege-Bedarf beschreibt aber auch ganz allgemein alle Bedürfnisse, die zu einem bestimmten Zeitpunkt vorliegen.

Theorie des Selbstpflege-Defizits

Das Selbstpflege-Defizit beschreibt ein Ungleichgewicht zwischen Selbstpflege-Kompetenz und Selbstpflege-Erfordernissen. Die Feststellung eines Selbstpflege-Defizits ist ein Ergebnis einer diagnostischen Betrachtung und Beurteilung eines Klienten durch eine Fachkraft, der sich in einer bestimmten Situation befindet, dessen entweder eigenständig oder durch Dependenz-Pflege durchgeführten Handlungen den Bedarf nicht abdeckt. Eine solche Situation kann durch körperliche Einschränkungen, Einschränkungen der Urteilsfähigkeit oder fachliche Unkenntnis entstehen. Im Fall eines Selbstpflege-Defizits wird immer professionelle Pflege erforderlich.

Theorie der Pflegesysteme 

Für die Theorie der Pflegesysteme werden zwei Begriffe heran gezogen: Pflegekompetenz und Pflegesysteme. Pflegekompetenz beschreibt die Möglichkeiten einer ausgebildeten Pflegefachkraft, einem Menschen zu helfen, sein Selbstpflege-Defizit auszugleichen, dabei kann auch die Dependenzpflege-Kompetenz der Angehörigen unterstützt werden. Professionelle Pflege wird immer nur dann nötig, wenn der situative Selbstpflege-Bedarf nicht durch eigenständige Handlungen oder Dependenzpflege abgedeckt werden kann, hier liegt auch gleichzeitig die Legitimation der Pflege begründet.

Pflegesysteme werden durch drei Dimensionen unterschieden: die soziale, die interpersonale und die technologische Dimension. Die soziale Dimension wird durch das Gesundheitssystem beschrieben und regelt Status und Finanzierung. Die interpersonale Dimension hängt davon ab und regelt die Beziehung der Beteiligten untereinander. Die technologische Dimension umfasst Diagnosen, Verordnung von Pflegemaßnahmen, Kontrollverfahren und Verwaltung. Es gibt drei Arten von Pflegesystemen (nach Oren):

1. Das vollständig kompensatorische Pflegesystem

Hier steht die vollständige Übernahme von Selbstpflege-Handlungen im Vordergrund. Der zu Pflegende kann, auf Grund körperlicher oder kognitiver Einschränkungen, entweder den Bedarf nicht ermitteln oder die Durchführung nicht gewährleisten, oder beides. Auch die Dependenzpflege ist überfordert. Dies kann zum Beispiel für Koma-Patienten gelten, aber auch für ausschließlich kognitive Beeinträchtigungen, so das dass zu kompensierende Defizit mehr im Bereich der Entscheidungsfindung liegt. Im vollständig kompensatorischen Pflegesystem stehen folgende Methoden im Vordergrund: für andere handeln, physische und psychologische Unterstützung und Gestaltung einer förderlichen Umwelt.

2. Das teilweise kompensatorische Pflegesystem

In diesem System hat der Klient eine Selbstpflege-Kompetenz, deren Ausmaß vom Pflegenden zu ermitteln ist. So kann es zum Beispiel sein, das die Körperpflege gewährleistet ist, aber Hilfe bei der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten benötigt wird, oder das im Falle einer neu erworbenen Beeinträchtigung neue Methoden und Herangehensweisen vermittelt werden, Selbstpflege-Kompetenz zu erwerben. Hier müssen Tätigkeiten zuerst übernommen werden, mit dem Ziel, sie bestenfalls wieder vom Klienten selbst durchführbar zu machen.

3. Das unterstützend-erzieherische Pflegesystem

Hier steht die Entwicklungsförderung im Vordergrund.

Dies ist das einzige System, in dem sich der Hilfebedarf eines Patienten auf die Entscheidungsfindung, Verhaltenskontrolle und das Verlangen von Wissen und Kompetenzen beschränkt. (Orem, 1997, 336)

Es geht um die Gestaltung einer Umwelt, die es dem einzelnen ermöglicht, sich Fähigkeiten anzueignen, die seine Selbstpflegekompetenz zu erhöhen.

Alle Pflegesysteme sind dynamisch. Ausgehend von oben beschriebenen Rahmenbedingungen kann ein Klient mehr oder weniger an Hilfestellung in Anspruch nehmen, d.h. der situative Bedarf verschiebt sich in Richtung eines anderen Systems, grundsätzlich bewegen sich die Anforderungen aber hauptsächlich im beschriebenen Rahmen. Um den Klienten bestmöglich zu unterstützen beschreibt Orem Methoden des Helfens, derer sich alle Pflegenden bedienen, um die Erfüllung der Bedürfnisse bestmöglich zu erfüllen:

  • für andere Handeln und agieren
  • führen und anleiten
  • physische oder psychologische Unterstützung bieten
  • ein Umfeld errichten und erhalten, das die persönliche Entwicklung fördert
  • unterrichten

 

Zusammenfassung:

Orems Modell der Selbstpflege stellte für die Pflege einen großen Fortschritt dar: stand früher im Vordergrund, einen beeinträchtigten Menschen möglichst voll umfänglich fremd zu versorgen, in der Annahme das sei das Beste für ihn, so rücken durch dieses Modell mehr die zu fördernden und zu erhaltenden Fähigkeiten in den Fokus. Es geht nicht darum, möglichst viel für jemanden zu übernehmen, sondern so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Auch  wenn dies häufig scheinbare Passivität bedeutet, ist es für das Selbstwertgefühl des zu Pflegenden von großer Wichtigkeit. Es erfordert vom Pflegenden ein hohes Maß an Empathie, Urteilsfähigkeit und Zurückhaltung, angemessen auf Bedürfnisse zu reagieren und dabei flexibel zu bleiben. Der Theorie der Selbstpflege liegt eine Ausrichtung an den Ressourcen und Kompetenzen der Klienten und ihres Umfelds zu Grunde, bei dem zuerst auf Möglichkeiten und nicht auf Einschränkungen geachtet wird. Es geht außerdem über „klassische“ Versorgungs-Aspekte der (Körper-)Pflege hinaus und betrachtet den Menschen als Ganzes, als ein Wesen, dessen Wohlbefinden nicht nur von der Versorgung seiner Grundbedürfnisse abhängt.

Wie alle Pflegemodelle ist auch das Konzept der Selbstpflege nicht isoliert zu betrachten, es muss immer Teil sein der Art, wie man den Einzelnen Menschen betrachtet. Dabei lohnt es sich, auch andere Ansätze, wie die „AEDLs“ von Krohwinkel mit einzubeziehen, die sich zusätzlich an den Wünschen und Bedürfnissen eines Menschen orientieren. So kann zum Beispiel Alkoholkonsum, isoliert betrachtet im Sinne der (gesundheitlichen) Selbstpflege, ein scheinbares Selbstpflege-Defizit darstellen, gewinnt jedoch in Hinsicht auf das Wohlbefinden eine andere Dimension: gemeinsame Stammtische, Kegelabende usw.. Es lohnt der Blick auf einen selbst: wie steht es um die eigene Selbstpflege-Kompetenz? Rauche ich? Betreibe ich gefährlichen Sport? Was tue ich für mein Wohlbefinden, obwohl es rein technisch betrachtet unvernünftig ist? Hier gilt es die Waage zu halten, um den Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, ein möglichst autonomes, zufriedenes Leben zu ermöglichen.

Quellen:

K.Sander/K.Schneider: Pflegemodelle, Pflegetheorien, Pflegekonzepte, S.16ff., Brake, Prodos Verlag 2012

http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstpflege

http://www.pflegewiki.de/wiki/Pflegetheorie_Orem_%28Schl%C3%BCsselbegriffe%29

Pflegemodelle I – Selbstpflege was last modified: Februar 3rd, 2015 by Heptopus
 

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