Pflegepraktikum im Hospiz – 1. Woche

Mein Arbeitsplatz
Mein Arbeitsplatz fürs Erste

Praktikum. Schon lange kein Praktikum mehr gemacht. Und dann entscheide ich mich gleich dafür, es in einem Hospiz zu absolvieren – ich kann auf überhaupt keine Erfahrungen in dem Bereich zurückgreifen, aber vielleicht ist es ja genau deswegen eine gute Wahl gewesen. Meine anfängliche Sicherheit ist verflogen, mittlerweile bin ich ziemlich aufgeregt.

Tag 1 – Montag, der 16.2.

Vor Aufregung habe ich kaum geschlafen. Ich bin viel zu früh unterwegs, müde, und gleichzeitig ziemlich aufgekratzt, ohne eigentlich zu wissen warum. Ich weiß ja was mich erwartet, zumindest ungefähr – die erste Woche werde ich in der Hauswirtschaft eingesetzt, und das hört sich ziemlich unspannend an.

Als ich ankomme sind die Türen verschlossen, ich muss klingeln. Ich bin wirklich früh. Meine zukünftige Anleiterin öffnet mir die Tür, ein wenig überrascht das ich schon da bin – von der Leitung ist noch niemand da, also muss ich warten. Zeit genug, sich weiter Gedanken zu machen. Ich versuche, mich davon zu befreien zu und einfach völlig unvoreingenommen und naiv zu sein.

Die Chefin erscheint ziemlich pünktlich und fängt ohne große Umschweife damit an, mich herumzuführen und mich mit allem vertraut zu machen, mir einen Schlüssel und Arbeitskleidung in die Hand zu drücken und mir zu sagen wo ich hin soll, und dann geht es auch schon los. Ich fahre in den ersten Stock, wo die Dame aus der Hauswirtschaft gerade das Frühstück zubereitet. Ab diesem Moment höre ich dann auch schon auf, mir Gedanken zu machen, ich werde super aufgenommen und bekomme unheimlich viele Informationen in sehr kurzer Zeit.

Es ist 8 Uhr, das Frühstück wird verteilt. Insgesamt gibt es 12 Zimmer auf zwei Stockwerken, zur Zeit sind alle belegt, und ich laufe mit und schaue mir alles an. Ich selber mache nicht viel, beobachte nur. Von 12 Zimmern bekommen nur sieben Essen gebracht und ich wundere mich, warum das so ist und frage nach. Die Antwort ist gleichermaßen ernüchternd wie einleuchtend – entweder wird Nahrung über Sonden gegeben, oder die Patienten sind einfach zu schwach oder schon zu weit weg um noch zu essen. Ich habe im Vorfeld davon gelesen – gegen Ende des Lebens benötigt der Körper kaum noch Nahrung, vielmehr wird sie sogar zu einer Belastung. Ich fühle mich damit nicht besonders wohl, aber das ist nur natürlich denke ich. Später wird mich das Thema „Essen“ noch mehr beschäftigen und ich erkenne, wo mein Unwohlsein her kommt. Wir verteilen winzige Portionen, und trotzdem ist es einigen zu viel.

Im Anschluss folgt direkt die Pause – das reguläre Personal ist seit 6 Uhr im Haus, und während die Patienten frühstücken wird Pause gemacht. Ich lerne die ersten Kollegen kennen, alle sehr nett, so ist zumindest mein erster Eindruck. Gegen neun machen wir uns wieder auf den Weg, Tabletts einsammeln, Getränke verteilen, Wünsche erfüllen. Meine Anleiterin erklärt mir die Spülmaschine und ich spüle was das Zeug hält, die Maschine braucht nur 2 Minuten und ich komme kaum hinterher. Ich versuche mir zu merken, was wohin gehört, bin völlig am rotieren, schlage mich aber ganz gut. Die Dame von der Hauswirtschaft lacht, offenbar über meine angestrengte Ernsthaftigkeit beim Spülen, und ich schalte einen Gang runter.

Meine nächste Aufgabe ist es eine Gardine aufzuhängen – nicht besonders anspruchsvoll, aber ich bekomme Gelegenheit, mich ein wenig mit einer Patientin zu unterhalten. Das ist ja der Sinn meines Einsatzes in der Hauswirtschaft – ganz langsam in alle Abläufe integriert zu werden. Wir unterhalten uns ein bisschen, während ich mich auf der Leiter abmühe. Die Dame ist sehr nett, ziemlich fit und wirkt überhaupt nicht krank. Wir tauschen Belanglosigkeiten aus, reden über ihre Familie, und ich verabschiede mich mit schmerzenden Armen. Wann habe ich zum letzten Mal eine Gardine aufgehängt? Noch nie? So kommt es mir vor.

Wirklich Leerlauf habe ich nicht an diesem Tag, es muss direkt das Mittagessen vorbereitet werden, und mehr aus Spaß frage ich, ob ich nicht kochen soll – ich koche ja wirklich gerne. Und da habe ich direkt den Salat. Ja klar könne ich kochen, meine Anleiterin macht das ja jeden Tag, und so bereite ich unter Beobachtung das Mittagessen vor. Wenn ich zu Hause Bolognese mache, bin ich alles, aber nicht nervös. Heute ist das anders, es macht mich völlig verrückt beobachtet zu werden. Aber was solls, um zwölf bin ich fertig, wir verteilen das Essen, wir sammeln Tabletts ein und spülen, und dann ist es auch schon halb zwei.

Es findet jeden Mittag eine Übergaberunde statt an der ich teilnehmen darf und soll, was ich total spannend finde. Die Infos des letzten Tages werden weitergegeben und ich bekomme so einen anderen Eindruck von den Patienten. Hier ist der gesamte Horror an Erkrankungen versammelt der einen Menschen treffen kann. Der Eindruck, das einige recht gesund wären, täuscht völlig. Ich bekomme einiges über die Medikation mit – 90% der Medikamente kenne ich selbstredend nicht, und die, die ich kenne, reichen in der Menge um ein ganzes Bahnhofsviertel zu versorgen. Ich schreibe fleißig mit und werde versuchen, mich zu Hause etwas schlau zu machen.

Tag 2 – Dienstag, der 17.2.

Meine Aufregung ist verschwunden, ich bin trotzdem viel zu früh da. Egal, ich mache mich fertig und fange an. Ich habe heute eine andere Anleiterin, und bin froh, mir gestern alles aufgeschrieben zu haben, so kann ich mit meinem Wissen über die Abläufe prahlen. Ich fahre den Wagen mit dem Frühstück durch die Stockwerke, verteile es auf die Zimmer und schaue nicht nur zu. Ich lerne also die Menschen etwas kennen. Einige schlafen noch, einige interessieren sich überhaupt nicht für mich und mit anderen führe ich kurze Gespräche, völlig unverbindlich.

Im Prinzip läuft alles ab wie gestern – ich habe allerdings mehr Sicherheit, finde mich tatsächlich gut zurecht und kann viel selbstständig machen. Meine Anleiterin heute kocht allerdings selber 🙂 So habe ich Zeit, die Arbeit auf den Stationen zu machen. Von der Pflege bekomme ich nichts mit und auch sonst lerne ich nur die Leute kennen, denen es verhältnismäßig gut geht.

Ich verstehe mich gut mit meiner Anleiterin, wir albern rum und mir kommt es vor, als würde ich einfach in einer x-beliebigen Küche arbeiten. Das Übergabegespräch bringt mich dann aber wieder etwas runter, ich schaue in mein schlaues Buch und lerne mehr Begriffe kennen, die mir gar nichts sagen. Die meisten Patienten sind stabil, einige geht es aber richtig schlecht. Ich kenne niemanden davon. Mehr Medikamente die ich nicht kenne, mehr Notizen in meinem Buch.

Tag 3 – Mittwoch, der 18.2.

Arbeitskleidungs-Selfie
Arbeitskleidungs-Selfie

Auch heute ist alles wie die letzten zwei Tage; ich bin zu früh. Ich verteile das Essen, heute alleine, ich sammele Tabletts ein und führe kurze Gespräche. Das Pflegepersonal kennt mich jetzt auch und ich werde immer mehr integriert. Langsam kann ich mir auch die Besonderheiten merken, die die einzelnen Patienten haben – bestimmte Wünsche, Kleinigkeiten wie Wasser ohne Sprudel usw., so das sie mich nicht immer extra bitten müssen, ich bin froh, mir alles notiert zu haben.

Ich lerne einige Angehörige kennen und habe das erste Mal das Gefühl zu verstehen, wo ich hier bin. Ich werde ein wenig nachdenklich, wenn ich die Ehefrau beobachte, die jeden Tag ihren Mann besucht. Ich kann nicht umhin, mich in ihre Situation hinein zu versetzen. Ihr Mann hat einen Hirntumor, einen der richtig fiesen Sorte, ist aber ziemlich gut beisammen. Mit ihm habe ich mich öfter unterhalten. Die Anzahl und Art der Medikamente, die er bekommt, macht mir aber klar, dass das Äußere trügerisch ist.

Ich fühle mich nicht übermäßig belastet, die Routine, die ich entwickele, lässt mir aber die Gelegenheit, meinen Blick über die Küche hinaus zu richten und etwas genauer hinzusehen. Mehr und mehr wird mir klar, das der Einstieg über die Hauswirtschaft gut gewählt ist und für mich genau richtig ist. Ich nähere mich allem langsam und gründlich.

Im Übergabegespräch wird heute zum ersten Mal das Sterben thematisiert. Fünf Zimmer habe ich bis heute noch nicht betreten, und heute werden Einschätzungen abgegeben, Medikament erhöht. Es wird über sterbende Menschen gesprochen und die Möglichkeiten, Angst, Unruhe und Schmerzen so gering wie möglich zu halten und gleichzeitig zu versuchen, nicht nur zu betäuben. Ein schmaler Grat, und niemand aus diesem Team macht es sich leicht. Kollegen formulieren die Belastung, die es auch für sie darstellt, das sich das Sterben über einen so langen Zeitraum hin zieht, ich habe den Eindruck, das im Moment für sie eine ungewöhnliche Zeit ist, die sie spürbar mitnimmt.

Tag 4 – Donnerstag, der 19.2.

Als ich am Hospiz ankomme sehe ich durch die Eingangstür direkt 3 brennende Kerzen. Heute Nacht sind drei Menschen gestorben. Das war für mich im Voraus der Knackpunkt, wie gehe ich damit um. Fürs erste: gar nicht. Ich merke, das es mich nicht sonderlich berührt, und dabei fühle ich mich etwas komisch. Aber es ist so, das ich niemanden kannte, noch nicht einmal gesehen habe. Ich verbinde nichts damit, für mich ist das im Augenblick eine völlig abstrakte Sachinformation.

Und so läuft auch der Tag für mich eigentlich wie gewohnt ab. Ich mache meine Runden und sehe nur im Flur die Kerzen vor den Zimmern. Hin und wieder werde ich angesprochen wie es mir geht, aber ich bin wie gesagt nicht betroffen. Trotzdem weiß ich es zu schätzen und ich fühle mich im Team weiter sehr wohl. Mir ist bewusst, das ich mich wahrscheinlich noch anders damit auseinandersetzen muss, einige der Patienten habe ich mittlerweile recht lieb gewonnen –  mit der Dame, bei der ich die Gardinen aufgehängt habe, unterhalte ich mich eigentlich jeden Tag, und sie ist mir sehr sympathisch.

Gleichzeitig fühle ich mich, wenn ich einige Angehörige beobachte, an mich selbst erinnert. Als mein Vater an Krebs erkrankte habe ich mich ähnlich schwer damit getan zu begreifen, was passiert. Ich habe, bis zum Ende, sein Zimmer im Krankenhaus für ein Krankenzimmer gehalten, einen Raum, in dem er gesund werden soll. Mir war nicht klar, das eine Palliativ-Station nicht der Gesundung dient. Vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben, ich weiß es ehrlich gesagt nicht. In manchen der Angehörigen erkenne ich das wieder. Verleugnung, nicht-akzeptieren-wollen. Essen wird wieder zum Thema: ich wollte, das mein Vater isst, und wenn es nur ein bisschen war. Ich habe nicht verstanden, warum er nicht möchte, nicht kann, das es vielleicht eine Belastung für ihn ist. Ich erinnere mich an Pflegepersonal, das mich verstand, aber gleichzeitig das Wohl meines Vaters im Auge hatte und mir gegenüber freundlich, aber bestimmt blieb. Und nun sehe ich Angehörige, die genauso sind wie ich damals, nur das ich jetzt auf der anderen Seite stehe. Ein Stück weit ist das für mich eine Aufarbeitung, ich bemerke viele Dinge, die ich nicht bemerken wollte. Ich fühle mich allerdings nicht belastet, genau genommen tut es mir sogar sehr gut.

Das Übergabegespräch heute ist nicht viel anders als die Tage davor, es gibt nur weniger zu besprechen. Das Team äußert, das es sich ein Stück weit befreit fühlt, ich kann das verstehen, obwohl ich nicht direkt dran war. Einigen Patienten geht es aber auch spürbar besser; nicht gesundheitlich, aber dadurch, das die Einstellung der Medikamente immer wieder angepasst wird, fühlen sie sich wohler; sie können essen, ohne andauernd Übelkeit zu verspüren. Sie können wieder auf Toilette gehen. Dinge, über die wir nicht nachdenken, die aber zur Belastung werden können, wenn man sie nicht kann.

Tag 5 – Freitag, der 20.2.

Heute morgen brannte wieder eine Kerze. Von 5 Menschen, die ich nicht kannte, sind 4 nicht mehr da.

Ich mache meine Arbeit wie gewohnt, alle Abläufe sind mir klar und ich habe die Zeit, mich mit den Patienten und dem Team zu unterhalten. Ich glaube, anfänglich habe ich mich stark distanziert, ich kann aber am Ende meiner ersten Woche Gedanken daran zulassen, das ich mich in einem Hospiz befinde. Die Menschen sind hier, um ihren letzten Weg zu gehen.

Ich kann versuchen, dabei zu helfen, die Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich gebe mir Mühe, einfach nur freundlich und normal zu sein, ohne mich zu distanziert zu verhalten. Ich versuche, mich auf die einzelnen Menschen einzustellen; einige haben ihren Frieden mit ihrer Situation gemacht, andere wieder wollen ganz normal mit mir reden, über Pläne, die sie schmieden. Manchmal macht mich das traurig und ich lasse das zu, und ich lerne jeden Tag mehr. Ich kann keine Gesundheit bringen, aber ich kann helfen, die Zeit angenehm zu machen.

 

Die erste Woche

Die erste Woche meines Pflegepraktikums im Hospiz war voll von Eindrücken, die ich jetzt erst einmal verarbeite. Die Routine, die ich durch die Tätigkeiten in der Hauswirtschaft bekommen habe, ist sehr hilfreich. Ich bin voll davon überzeugt, dass mir dieses Konzept einen guten Einstieg ermöglicht hat. Mit meinem Arbeitsauftrag habe ich mich noch überhaupt nicht beschäftigt, aber ich habe noch 5 Wochen Zeit.

Ich bin von der Einrichtung Hospiz überzeugt; ich lerne hier ein tolles Team kennen, das mehr als bemüht ist, Menschen einen würdigen Abschied zu ermöglichen, ohne Schmerzen, und in der Lage ist, viele Ängste zu nehmen.

Gespannt blicke ich auf die nächsten Wochen, es ist eine anstrengende Arbeit, bei der ich mich selbst gut im Blick behalten muss, aber im Augenblick fühle ich mich wohl. Der schwierige Teil liegt allerdings noch vor mir; die meisten der Menschen, die ich jetzt kennen lerne, werden wohl nicht mehr am Leben sein, wenn ich mein Praktikum beende.

Ich schreibe alles auf, zum einen für Leute, die sich dafür interessieren, zum anderen aber auch um zu reflektieren, wo ich mich befinde, wie ich mit dem Sterben umgehe, da es für mich immer wieder ein Thema war und sein wird. Ich werde aber versuchen, meinen Fokus, auch in diesen Berichten hier, nicht zu sehr auf den Tod zu legen, sondern auf den Weg, den die Menschen gehen, denn darin besteht die eigentlich Aufgabe; bis zuletzt in Würde zu leben.

Pflegepraktikum im Hospiz – 1. Woche was last modified: Februar 21st, 2015 by Heptopus
 

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