Pflegepraktikum im Hospiz – 2. Woche

Die erste Woche meines Praktikums ist vorbei. Ich bin gut angekommen, noch bei geistiger Gesundheit und kenne die meisten Abläufe. Tatsächlich frage ich mich nach dem Wochenende, ob am Montagmorgen noch alle da sind. Im Moment sind 4 Betten frei. Ich bin gespannt auf die zweite Woche.

Tag 6 – Montag, der 23.2.

Das ich zu früh bin ist ja nichts neues, ich finde es gut. So habe ich morgens Zeit, mich in Ruhe umzuziehen und kurz zu sammeln. Es brennen keine Kerzen, niemand ist gestorben, ich klingele und bereite mich vor. Der Tag startet wie gehabt – Essen austeilen, Pause, Tabletts einsammeln.

Gegen halb zehn spricht mich eine Pflegerin auf dem Gang an, das eben Frau W. gestorben ist. Die letzte der Menschen, die ich nicht kannte. Ich nehme das zur Kenntnis. In ihrem Zimmer stehen noch Sachen aus der Hauswirtschaft, also gehe ich hinein und räume ab. Frau W. ist ganz ruhig eingeschlafen und genauso sieht sie auch aus; ohne Schmerzen oder Angst, friedlich, mit einem ruhigen Gesichtsausdruck. Ich freue mich für sie, genau das ist der Sinn dieser Arbeit.

Allgemein ist heute etwas mehr los. Es sind neue Aufnahmen geplant, eine wird abgesagt, eine kommt. Ich bekomme das nur am Rande mit, ich bin mit Hauswirtschaft beschäftigt, sehe aber zu, das ich etwas mehr im Haus unterwegs bin.

Kurz vor dem Übergabegespräch spricht mich eine Pflegekraft an und fragt, ob ich mir vorstellen könnte, für die Dauer der Übergabe bei unserem neuen Patienten zu sitzen und aufzupassen. Ich sage zu. Es geht darum, ihn zu beobachten. Bei der Aufnahme war er sehr verwirrt, hatte große Angst und versuchte, sich alle Schläuche, Katheter und Zugänge zu ziehen. Im Moment ist er sediert und schläft, ich bin also für den Fall der Fälle da. Ich bekomme Telefon, Notfallknopf und Anweisungen, eine Pflegekraft ist auch weiterhin auf der Station.

Kehlkopfkrebs mit Metastasen überall, Trachealkatheter (im Hals für Sauerstoff), er schläft. beim Atmen hat er lange Aussetzer. Sogar in meinen unerfahrenen Augen sieht er nicht gut aus. Diese langen Aussetzer kenne ich von meinem Vater. Die Sitzwache geht ereignislos vorbei, und mit meiner Ablösung kommen die Pflegedienstleitung, eine Fachkraft und Ärztin zur Aufnahme-Visite ins Zimmer. Eigentlich habe ich Feierabend, ich bin aber total neugierig und frage, ob ich dabei bleiben kann.

Medizinische Kraftausdrücke schwirren durch den Raum, ich verstehe immerhin die Hälfte mittlerweile, dann untersuchen sie den Allgemeinzustand. Mir war nicht bewusst das der Mann auch keine Beine mehr hat. Nach allem was ich heraushöre lebt er schon sieben Jahre mit all den Schläuchen, ohne Beine und immer im Bett. Sie drehen ihn auf die Seite um Lagerungs-Schäden aufzunehmen und da wird es mir das erste Mal ganz anders. Zuerst zeigen sich nur kleine Druckgeschwüre, sowas habe ich schon mal gesehen, aber am Steiß kommt ein Dekubitus Stufe 4 zum Vorschein, handtellergroß und ziemlich tief, austamponiert.

Ich nutze die nächste Gelegenheit mich zu entfernen. Ich unterhalte mich noch kurz mit der Fachkraft, die sofort gemerkt hat das ich mich unwohl fühle. Das Gespräch tut mir gut, mir geht es direkt besser. Ich war einfach nicht vorbereitet, aber neugierig.

Für den Rest des Tages bin ich ziemlich nachdenklich und nicht so gut drauf, ich kann aber gut schlafen und am nächsten Morgen bin ich auch schon wieder über den Berg.

Tag 7 – Dienstag, der 24.2.

Zu früh, klingeln, umziehen, Essen austeilen, gähn. Oh Moment. Herr W., der die ganze letzte Woche nur vor sich hindämmerte ist wach und hat Appetit. Kann ich Essen anreichen? Kann ich. Also entschuldige ich mich in der Hauswirtschaft und mache mich auf in den ersten Stock. Herr W. hat die Augen auf und redet, er haucht die Wörter nur, aber ich kann ihn verstehen.

Herr W. ist Ende 40 und hat einen Hirntumor. Zusammen mit den Medikamenten sorgt das bei ihm für Verwirrtheit, er ist offenbar nicht im hier und jetzt unterwegs. Er erzählt aus seiner Jugend und Studienzeit, er befindet sich im Geiste in dieser Zeit. Er stellt aber auch nicht in Frage wo er im Augenblick ist. Eine seltsame Mischung aus Bewusstheit und Verwirrung. Aber seinen Humor hat er sich behalten, auf meine Frage was er trinken möchte, Kaffee oder Wasser, schaut er mich abschätzig an und wünscht sich Champagner.

Ich muss lachen. Zum Glück lächelt er auch, nur ganz wenig, aber immerhin. Das Essen strengt ihn sehr an, aber er genießt es sichtlich. Irgendwann schaut er aus dem Fenster und ich merke, wie erschöpft er ist. Ich frage ihn, ob er seine Ruhe haben möchte und gehe.

Ansonsten gibt es für mich nur Routine an diesem Tag. Es passiert nichts. Die neue Aufnahme wurde erneut abgesagt. Ich mache meine Arbeit und gehe nach Hause.

Tag 8 – Mittwoch, der 25.2.

Über Nacht sind zwei Menschen verstorben, dabei war der Mann, bei dem ich am Montag Sitzwache gehalten habe. Was alle vermuteten, hat sich bestätigt – es bleibt der fade Beigeschmack, das er „abgeschoben“ wurde. Normalerweise kommen Menschen ins Hospiz, die noch ein wenig mehr Zeit vor sich haben. Für ihn war es wahrscheinlich trotzdem das Beste, zu uns zu kommen. Nach allem was ich verstanden habe, konnte auch er ohne Angst und Schmerzen in Ruhe gehen.

Ich habe wieder das Vergnügen mit Herr W. zusammen zu frühstücken. Die Themen beim Gespräch sind im Wesentlichen die gleichen. Ich versuche etwas genauer hinzuhören, versuche mich am „aktiven Zuhören“ und gebe mir Mühe, seine Gefühle zu versprachlichen. „Das hört sich nach einer schönen Zeit an. Sie denken sehr gerne daran zurück, nicht wahr?“ Er bejaht das und ich höre ihm weiter zu, es mischt sich Trauer in seinen Blick. Er weiß, das er sterben wird. Wir verbringen den Rest des Frühstücks schweigend.

In der Pause tausche ich mich mit der Pflegerin aus, einfach nur um drüber zu reden und meine Beobachtungen weiter zu geben. Das finde ich hier wirklich toll – ich komme nicht dazu, etwas mit mir herum zu tragen. Zu jeder Zeit ist jemand da, der sich meine Gedanken anhört. Das tut direkt gut.

Übergabegespräch – heute gab es zwei neue Aufnahmen. Diagnosen: was soll ich sagen, ekliger Krebs, mit Beteiligungen von diversen Organen. Es spielt eigentlich gar keine Rolle für mich. Der eine Patient berührt mich stark: Anfang 40, allein-erziehender Vater von drei Kindern mit mehreren Hirntumoren. Ich habe ihn noch nicht kennengelernt, aber alles was ich höre ist eine Katastrophe..

Tag 9 – Donnerstag, der 26.2.

Ich bin krank. Die grippige Erkältung von vor zwei Wochen meldet sich zurück, ich bin vorsichtig, kann aber morgen wieder auf die Arbeit.

Tag 10 – Freitag, der 27.2.

Heute werde ich noch während des Frühstücks direkt mit einbezogen. Die PDL (Pflegedienstleitung), die heute auf Station ist, greift mich direkt aus der Hauswirtschaft ab und bittet mich um Hilfe. Nichts großes, ich unterstütze einfach nur und beobachte. Wir sind bei der Neuaufnahme, ein älterer Herr, Moslem, für ihn ist es sehr wichtig sich vor dem Essen Hände und Gesicht zu waschen. Wir richten ihn gemeinsam auf.

Anschließend darf ich alleine weitermachen. Ich übergieße seine Hände mit Wasser, er betet und wäscht sich das Gesicht. Ich helfe ihm beim Frühstück, er isst selber, ich muss das Essen nur vorbereiten. Er erzählt aus seinem Leben, beschwert sich über seine Familie (Großfamilie, alle kriminell, er ist richtig enttäuscht), seine Söhne studieren aber. Was soll ich sagen, er ist eine richtige Quasselstrippe 🙂 das Frühstück dauert bestimmt eine Stunde, er redet und redet, ich kann mir nicht alles merken. Auf jeden Fall ein sehr netter, höflicher Mann. Ein wenig verwirrt ist er allerdings auch: er erzählt mir von kleinen, glatzköpfigen Männern die im Haus unterwegs sind und in den Ecken putzen; sie sind von der Kirche, er möchte das ich sie wegschicke. Später kommen noch mehr „Halluzinationen“ dazu, die Pflegekraft fragt, ob er etwas dagegen haben möchte. Er möchte. Allerdings macht ihn das Medikament sehr schläfrig, so dass das Mittagessen ausfällt bzw. auf später verschoben wird.

Zur Mittagszeit lauf ich wieder mit der PDL mit und unterstütze wo ich kann. Meine Güte. Sie ist allein auf Station und es geht rund. Ich komme ganz schön ins Schwitzen, ich bin beeindruckt, wie sie das alles hin bekommt, und trotzdem noch jedem Patienten gerecht wird. In einem Zimmer wird es mir etwas mulmig, hier liegt ein neuer Patient, er hat Hepatitis C und ich traue mich kaum, irgendwas anzufassen. Ich habe keine Ahnung stelle ich immer wieder fest. Auch hier werde ich direkt wieder beruhigt und angemessen informiert. Ich halte mich trotzdem zurück und desinfiziere bei jeder Gelegenheit meine Hände.

Im Anschluss unterstütze ich noch einmal beim Essen. Gestern habe ich ja schon von dem neuen Patienten gehört (Anfang 40, allein-erziehender Vater). Ich werde gebeten, während des Essens bei ihm zu bleiben. Er erledigt so weit alles selbstständig und ich merke, das er von meiner Anwesenheit nicht begeistert ist. Die Fachkräfte haben davon berichtet; er hadert sehr mit seinem Schicksal, er nimmt nicht gerne Hilfe an – zum einen, weil er nicht hilfsbedürftig sein möchte, zum anderen möchte er nicht zur Last fallen. Die meisten Patienten hier im Haus sind alt, sie haben gelebt und sind in der Bewältigung ihrer Krankheit schon weiter, sie haben sie akzeptiert. Sie haben auch akzeptiert, das sie sterben werden. Ich lerne das erste Mal einen Menschen kennen, bei dem das völlig anders ist. Dabei fühle ich mich unwohl. Ich muss hier sein, obwohl er es überhaupt nicht möchte. Es liegt nicht an mir, es ist nichts persönliches. Es ist einfach die pure Verzweiflung, es ist auch für mich schwierig auszuhalten. Eine Unterhaltung findet nicht statt. Ich helfe der Pflegekraft im Anschluss, ihm beim Toilettengang behilflich zu sein. Am Ende ist er völlig erschöpft. Er möchte noch alles selber machen, hat aber kaum noch Reserven. Er ist aber (noch) nicht bereit, die Hilfe zu zulassen. Er bekommt Besuch, dafür wollte er vorbereitet sein, und jetzt bekommt er nicht Mal mehr die Augen auf.

Das Übergabegespräch findet heute etwas anders statt: auch hier hält die Technik Einzug. Per Beamer wird die Pflegeplanung an die Wand projiziert, so dass ich auch dort mal einen Einblick bekomme. Hier finde ich viel wieder, was ich im Unterricht kennen gelernt habe, ein wichtiger Teil sind zum Beispiel die AEDLs (Aktivitäten und existentielle Erfahrungen des Lebens) nach Krohwinkel. Kurz gesagt wird hier festgehalten, was einem Menschen wie wichtig ist; Dinge wie Essen & Trinken, ruhen & schlafen, sich kleiden usw. Es gibt eine Gliederung nach Diagnose/Probleme/Ressourcen/Ziele, die jeden Tag neu bewertet wird, wie heute zum Beispiel im Fall von Herr W. Die Tatsache, das er wieder aufgewacht, macht eine Neubewertung nötig.

Manchmal sind die Ziele sehr einfach gehalten (Herr N. möchte symptom- und angstfrei werden) und relativ leicht zu erreichen (durch Anpassung der Medikation), manchmal sind sie komplexer. Manchmal gibt es Ziele, bei denen wir nicht helfen können (was wird mit der Familie von Herr C.). Für mich ist es interessant zu sehen, wie hier gearbeitet wird, und wie engmaschig, fürsorglich und professionell auf die einzelnen Bedürfnisse der Patienten geachtet wird. In der Feedback-Runde habe ich heute etwas mehr zu sagen, ich stehe noch unter dem Eindruck der Pflege, die ich heute begleiten durfte. Aber es ist alles sehr positiv, ich bin beeindruckt.

Nach dem Übergabegespräch unterhalte ich mich noch mit der Chefin. Man ist zufrieden mit mir, was natürlich schön zu hören ist, und nächste Woche komme ich dann fest auf Station, um in der Pflege zu arbeiten. Ich bin gespannt. Ich habe in den wenigen Augenblicken, die ich schon dabei sein konnte, so viel gelernt und mit dem Unterricht verknüpfen können, ich glaube das wird eine tolle Zeit für mich (das klingt vielleicht unangemessen, aber ja, so ist es; ich bin zum Lernen hier).

 

Die zweite Woche

Die zweite Woche war gut. Ich bin voll angekommen, suche mir Arbeit, wenn ich Freiraum habe und nehme alles mit, was ich kann. Eines wird mir deutlich: rein pflegerisch und menschlich kann ich hier viel mitnehmen, aber ein Teil betrifft meine Ausbildung nur am Rande: das ganze medizinische. Aber auch für Krankenpfleger ist meines Wissens nach eine Zusatzausbildung nötig, bevor sie in einem Hospiz arbeiten können. hier wird schon sehr spezielles Fachwissen gefordert.

Wie die Pflege angeht bin ich begeistert. So stelle ich mir das vor, ich hoffe, das es irgendwann ein Standard wird, so zu arbeiten wie hier: dicht an den Menschen, mit Zeit und Respekt, maßgeschneidert halt.

Ich kann gar nicht alles aufführen, es sind die kleinen Dinge: Patienten werden angesprochen, vor jeder pflegerischen Handlung, auch wenn sie (vielleicht) gar nichts mitbekommen. Es wird nichts gegen den Willen von Patienten gemacht, weil es gemacht werden „muss“. Ich habe mir definitiv einen guten Platz für mein Praktikum ausgesucht, ich bin auf die weiteren Wochen gespannt.

 

Pflegepraktikum im Hospiz – 2. Woche was last modified: März 1st, 2015 by Heptopus
 

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