Pflegepraktikum im Hospiz – 3. Woche

Nachdem ich die ersten zwei Wochen meines Praktikums in der Hauswirtschaft verbracht habe beginnt nun meine „eigentliche“ Arbeit. Ich bin ab dieser Woche erstmals fest auf einer Station eingesetzt, ich habe mich für den zweiten Stock entschieden; dort habe ich mehr Patienten intensiver kennengelernt. Im Text werde ich die Patienten mit ihren Zimmernummern bezeichnen, nicht aus Gefühlskälte, sondern wegen dem Datenschutz.

Tag 11 – Montag, der 2.3.

Mein Tag beginnt ganz normal, mit dem Unterschied, das ich nicht mehr zu früh, sondern nur noch pünktlich bin. Feine Sache. Ich gehe in den zweiten Stock, wo ich ab sofort eingesetzt werde, melde mich bei meiner Anleiterin und wir plaudern ein wenig; ich stelle mich noch einmal richtig vor, frage, welche Patienten sie heute zu betreuen hat und verschaffe mir einen Überblick. Die meisten kenne ich ja schon. Wir beschließen, das ich erst einmal „mitlaufe“ und mir alles anschaue, und mithelfe wenn ich mich dazu in der Lage fühle.

Wir gehen in zuerst in Zimmer 208. Ich habe letzte Woche schon einmal kurz davon berichtet: Mitte 40, alleinerziehender Vater von 3 Kindern, Hirntumor. Hier ist nichts großes zu tun, er verrichtet die meisten Dinge selbstständig, er möchte aber heute nicht aufstehen und bittet uns, im eine Urinflasche zu geben. Das Frühstück kommt, wir helfen ihm sich an die Bettkante zu setzen und verlassen das Zimmer.

Zimmer 210, auch über ihn habe ich schon kurz berichtet: Ende 70, Nierenzellkarzinom mit Metastasen und diesem Hepatitis C, der mir letzte Woche solche Sorgen bereitet hat. Mittlerweile bin ich etwas entspannter, ich nehme mir einfach meine Handschuhe und fasse den Vorsatz, mir die Hände gründlich zu desinfizieren. 210 hat sich über das Wochenende deutlich verschlechtert, er hat die Augen nicht mehr geöffnet und wird auch auf Ansprache nicht wach. Also wird bei ihm nur eine Grundpflege gemacht, ich unterstütze nur beim umlagern, meine Anleiterin erledigt den Rest, was mir fürs Erste ganz recht ist.

Bei 210 merke ich sofort, das seine Hände, Arme, Beine und Füße kalt sind, der Körperstamm dafür ziemlich heiß. Während der Pflege verstärkt sich die rasselnde Atmung, die mir am Anfang gar nicht aufgefallen war, zu einem deutlichen Brodeln. Beides zusammen ist sogar für mich ein recht deutliches Zeichen dafür, das 210 im Sterben liegt, das dieser Vorgang quasi gerade eben eingesetzt hat. Natürlich ist das nicht eindeutig und auch nicht scharf abgrenzbar, aber es sind starke Indizien, so viel habe ich gelesen.

Die Anleiterin sagt mir, das normalerweise in so einem Fall dem Wasser etwas Pfefferminztee zugegeben wird, um etwas Linderung zu verschaffen, denn er ist wirklich sehr heiß. Gegen Ende der Pflege zeigt sich bei ihm eine starke Unruhe und er hat scheinbar starke Schmerzen, er verzieht das Gesicht. Ihm wird eine zusätzliche Menge Morphin und ein Beruhigungsmittel gegeben. Ich bleibe noch ein wenig bei ihm, denn meine Hand hält er.Nach ungefähr 20 Minuten wird er ruhiger, nur die schnappende Atmung und das Brodeln bleibt.

Über dieses Brodeln habe ich mich informiert; Angehörige möchten häufig, das man durch Absaugen Linderung verschafft. Nach gängiger Meinung ist es aber für den Patienten nicht mit Schmerzen oder Luftnot verbunden, außerdem sitzt es so tief in den Bronchien, das es kaum machbar ist. Auch das „nach Luft schnappen“ macht einen bedrohlichen, schwer auszuhaltenden Eindruck, ist aber ebenfalls nicht unnormal, die Abstände werden länger, und irgendwann bleibt die Atmung ganz aus.

Ich bin erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht. Ich war noch kurz mit in ein, zwei anderen Zimmern, es gab aber nie viel zu tun, und es ist fast zwölf, also gehe ich runter in den ersten Stock und suche Arbeit.

Zimmer 111, Mitte 40, Glioblastom (Hirntumor), am Freitag habe ich während der Neubewertung der Pflegeplanung von ihm gehört. Er ist nicht mehr sediert (darauf komme ich noch einmal zurück in Woche 4) und liegt heute auch nicht mehr im Bett; er sitzt im Therapie-Rollstuhl und hat ein Handy in der Hand, kommt damit aber nicht zurecht. Durch das lange Liegen sind seine Muskeln sehr geschwächt. Er konzentriert sich fast ausschließlich darauf, wenn er spricht ist es kaum mehr als ein Flüstern und ich versuche, ihm zu helfen. Er bittet mich, seinem Bruder zu schreiben, kann mir aber den Namen nicht sagen. Pünktlich mit dem Mittagessen zusammen betreten seine Eltern den Raum – meine Aufgabe wäre es noch gewesen, Essen anzureichen, davon bin ich aber nun entbunden. Sie möchten verständlicherweise nach so langer Zeit mit ihrem Sohn alleine sein.

Im Übergabegespräch gibt es nichts Wesentliches, die meisten Patienten sind recht stabil im Moment, bis auf 210. Mehr als das, was ich mitbekommen habe gibt es aber nicht zu berichten.

Tag 11 – Dienstag, der 3.3.

210 ist gestern, ungefähr eine Stunde nach meinem Feierabend, verstorben. Er ist in Ruhe gegangen, das Zimmer ist schon leer. Ich hatte nicht wirklich viel Kontakt zu ihm, bin aber erst einmal erleichtert, das ich mich nicht mehr mit dem Hepatitis beschäftigen muss. Das ist tatsächlich mein erster Gedanke. Erst danach denke ich, das sein Leiden beendet wurde, das doch im Vergleich zu „meinem Leiden“ viel schlimmer war. Ich schäme mich aber auch nicht dafür; wir hatten keine Zeit, eine Beziehung zueinander aufzubauen, ich bin wenig betroffen.

Für mich geht die Arbeit dann in 209 los. Ende 70, Glioblastom mit Metastasen, Halbseitenlähmung, sie kann nicht mehr sprechen. Aber singen. Und zwar ein ziemliches Repertoire, das ich nicht einmal ansatzweise kenne (gut, das eine oder andere Lied haben mir Eltern/Großeltern auch beigebracht). Wir unterstützen sie dabei, das Bett zu verlassen. Auffällig ist, das alles, was auch nur im entferntesten essbar ist, außer Reichweite steht; auch eine Folge des Hirntumors – diese Krebsform ist unberechenbar. Ich habe bisher 5 Patienten mit dieser Diagnose kennengelernt, und außer der Halbseitenlähmung kaum ähnliche Symptome gesehen. Für diese Frau muss es furchtbar sein (es ist schwierig einzuschätzen, in welchem Maß sie noch begreift, aber im Zweifel gehe ich davon aus, das sie viel mitbekommt); sie war Ernährungwissenschaftlerin und jetzt isst sie ALLES in Reichweite, während sie dabei singt.

Mit ihrer nicht gelähmten Seite hilft sie dabei mit, vom Bett aufzustehen und den Transfer auf den Toilettenstuhl zu bewältigen. Während sie im Bad ist höre ich sie singen. Durch das Morphin leidet sie unter einer Obstipation (Verstopfung), eine sehr häufige Nebenwirkung, und es wird eine Stenose (Verengung) des Darms vermutet. Um einem Ileus (Darmverschluss) vorzubeugen werden alle 2 Tage Maßnahmen zum Abführen durchgeführt, falls die routinemäßigen Medikamente nicht ausreichend sind. Das alles nehme ich quasi so nebenbei mit, während sie im Bad vor sich hin singt.

Transfer an den Frühstückstisch, mittlerweile habe ich herausgefunden, das ich auch Musikwünsche äußern kann, wenn sie ein Lied nicht singen möchte schüttelt sie den Kopf. Wir singen zu dritt „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, das Frühstück nimmt sie weitesgehend selbstständig zu sich; nach dem Brötchen greift sie, sofern es auf ihrer linken Seite steht, alles was rechts steht nimmt sie nicht wahr. Nur den Löffel muss ich ihr „befüllen“ und reichen, zum Mund führt sie ihn dann selbst.

Nach dem Frühstück habe ich etwas Leerlauf und gehe in Zimmer 206 zu meiner „Lieblingspatientin“. Bei ihr habe ich in der ersten Woche die Vorhänge aufgehängt. Sie ist Ende 80, Darmkrebs mit Metastasen, aber ansonsten recht gut beisammen. Sie ist mobil, pflegt sich alleine. Ihr großes Problem im Moment sind ihre Depressionen bzw. depressive Grundstimmung, die sie schon ihr ganzes Leben mit sich herum trägt. Sie möchte nicht zur Last fallen, darum lehnt sie es ab die Klingel zu benutzen um eine Pflegekraft zu rufen; egal ob sie Hilfe braucht oder Schmerzen hat, sie wartet dann bis jemand zufällig vorbei kommt. Natürlich spielt auch Schamgefühl eine Rolle, sie möchte ihre intimsten Bereich gerne selbst bestimmen und nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein.

Sie erzählt mir von ihrer Krankheit – sie bekam 1991 die Erstdiagnose, pflegte dann ihren Ehemann bis zu seinem Tod, lebte 9 Jahre krebsfrei und bekam dann einen Rückfall. Sie möchte nicht sterben, ihre Worte: „nicht nur junge Menschen möchten leben, auch wir Alten haben Angst vor dem Tod“ hallen bei mir noch lange nach.

Auf dem Rückweg ins Stationszimmer komme ich an 208 vorbei. Der alleinerziehende Vater hat Visite, auf dem Gang höre ich ihn weinen, regelrecht schreien; pure Verzweiflung, gefolgt von Agonie. Seine Problematik ist nicht in erster Linie die Erkrankung, oder der Tod an sich, sondern der Verlust. Der Verlust von allem, was ihm wichtig ist. Die Verzweiflung dieses Mannes nimmt alle hier mit. Im Übergabegespräch wird das auch thematisiert, die Kollegin die heute für ihn zuständig war formuliert ihre Betroffenheit. Die Leitung bittet alle darum, nicht öfter als zwei Dienste hintereinander bei 208 zu machen, zum Schutz des Personals. Es ist tatsächlich schwer auszuhalten, tröstende Worte sind schwer zu finden, auch Unterstützung kann kaum angeboten werden.

Tag 12 – Mittwoch, der 4.3.

Der heutige Tag ist schon fast Routine. Ich singe ein wenig beim Frühstück mit der Dame aus 209 (heute ist kein Abführtag), esse zu Mittag mit 111, helfe hier und da ein wenig bei der Körperpflege.

208 hat einen Blasenkatheter bekommen. Erst lehnte er ihn ab, er schämt sich aber stark, das er keine Kontrolle mehr hat; für ihn ist das schlimmer als der Katheter. Es verstärkt zusätzlich seinen Zustand und sein Gefühl des Ausgeliefert-Seins. Er fordert auch beruhigende Medikamente ein, er möchte einfach schlafen. Er will seine Ruhe haben und äußert den Wunsch zu sterben.

In 210 liegt ein neuer Patient. Ende 70, kein Krebs, mehrere Schlaganfälle, bakterielle Pneumonie und MRSA, nicht akut, aber für das Zimmer gelten besondere Hygiene-Regeln. Nicht so sehr, um das Pflegepersonal zu schützen (für ein gesundes Immunsystem ist das eher unproblematisch), aber um eventuelle Keime nicht im ganzen Haus zu verteilen. Bei der Einlieferung ist er nicht ansprechbar. Es gibt noch eine Suchtproblematik, er trinkt nur Apfelwein und ein schwieriges Verhältnis zum Sohn, der im Wald lebt (tatsächlich, aus Angst vor Umweltgiften usw. usf.) und ebenfalls eine Suchtproblematik hat. Was genau vorgefallen ist zwischen den beiden ist unklar, der Sohn ist in jedem Fall sehr belastet und ambivalent. Für mich hat das zur Folge, das ich mit einer Pipette tröpfchenweise Apfelwein in den Mund von 210 träufele. Mit so einer Aufgabe habe ich zu Beginn nicht gerechnet. Irgendwie verwirrt mich das von allem, was ich bisher erlebt habe, am meisten.

111 isst wieder im Rollstuhl, mit gutem Appetit, 5-6 Löffel kann er mittlerweile selber halten, dann verlässt ihn die Kraft und ich reiche weiter an. Er redet ununterbrochen, flüstert mehr und ich habe meine liebe Mühe, ihn zu verstehen, aber irgendwie geht es dann doch. Er kann völlig logisch kommunizieren, mit einer Einschränkung: er ist überhaupt nicht im hier und jetzt. In seiner Auffassung befinden wir uns zu seiner Studienzeit in London, zwanzig Minuten später sind wir in Paris. Aber innerhalb dessen unterhalten wir uns ganz normal und ich erfahre einiges über seine jungen Jahre. An der Tatsache, das er im Rollstuhl sitzt, das Fremde seine Intimpflege übernehmen und das er Essen angereicht bekommt stört er sich nicht. Die Diskrepanz ist ihm entweder nicht bewusst, oder er verdrängt sie massiv. Ich forciere es nicht, seine Krankheit zu thematisieren, denn er ist freundlich, ein eloquenter Gesprächspartner und wirkt darüber hinaus ziemlich zufrieden. Also führen wir eine, bis auf kleine Ungereimtheiten, stimmige Unterhaltung.

Im Übergabegespräch gibt es Unstimmigkeiten über 209 (die Sängerin). Einige Kollegen befürworten einen Blasenkatheter, meine Anleiterin ist dagegen. Ich kann beide Seiten verstehen: der Sohn kommt häufig zum Frühstück zu Besuch, und für beide ist das eine schöne Zeit – die Toilettengänge sind sehr anstrengend für sie und sie hat dann kaum noch Energie für den Besuch. Der Katheter soll sie also entlasten. Für meine Anleiterin steht die Autonomie im Vordergrund, die Selbstbestimmtheit bei einem Schicksal, das schlimm genug ist. Eine endgültige Entscheidung wird heute nicht getroffen.

Tag 13 – Donnerstag, der 5.3.

Ich bin in 111 beim Frühstück dabei, der Transfer klappt immer besser. 111 kann mit Hilfe einigermaßen stehen und sich am Bett festhalten (er muss gestützt werden, aber er greift). Mit 111 beschäftige ich mich auch im Rahmen meines Arbeitsauftrages, den ich für das Praktikum bekommen habe (dazu nächste Woche mehr, im Moment beobachte ich noch und denke über die Formulierung nach). Die Verbesserung des Allgemeinzustandes und das „neu“ lernen von bestimmten Fähigkeiten kann ich einfach gut unterstützen. Ursprünglich war 208 angedacht, aber auf Grund der Situation ist es für ihn nicht zumutbar – und auch nicht gewollt. 111 hingegen ist voll bei der Sache und muss eher gebremst werden.

Nach dem Frühstück begleite ich die Körperpflege und leite 111, zusammen mit meiner Anleiterin, an, uns behilflich zu sein; kleine Bewegungen, einen Arm aus dem Ärmel ziehen zum Beispiel, oder bei der Lagerung mitzuhelfen, die Bettdecke zu sich ziehen und sich selbst aufdecken. Auch 111 hat einen Blasenkatheter, das ist etwas mit dem ich mich sehr schwer tue, aber er ist definitiv zu schwach, selbst auf Toilette zu gehen und hat keine Kontrolle über seine Ausscheidungen. Außerdem benutzt er die Klingel nicht, ich glaube ihm ist der Sinn nicht bewusst – die kognitiven Einschränkungen sind im Gespräch kaum feststellbar, in jeder anderen Hinsicht aber sehr präsent.

Ich rasiere ihn noch, das alles sind Tätigkeiten die ich kenne, hier habe ich Sicherheit. Für mich also ein gutes arbeiten, und auch 111 scheint zufrieden, aber sehr erschöpft. Er möchte sein Mittagessen auf später verschieben und etwas schlafen, also verlasse ich ihn und mache mich auf die Suche nach Arbeit.

Natürlich finde ich sie in 210, das scheint irgendwie mein Zimmer zu sein. Immer mit einer für mich unangenehmen, zumindest aber extrem ungewohnten Situation verbunden. Hier ist auch Grundpflege zu verrichten. Der Patient ist nicht ansprechbar, greift aber nach meiner Hand, und zwar ziemlich kräftig, und zieht sie zu sich. Also unterstütze ich mit einem Arm. Während der Pflege fängt er an zu schimpfen und öffnet die Augen. An seinem Steiß bildet sich ein Dekubitus. Im Laufe der Pflege wird sein Verhalten sehr ablehnend, wir beschränken uns auf das Nötigste (Stuhlgang) und lassen ihm seine Ruhe. Ein Wort von ihm kann ich sehr deutlich verstehen, ich bin einigermaßen verblüfft; Sucht ist eine starke Kraft. Das Wort ist schlicht und ergreifend: „Abbelwein.“ Also gebe ich ihm etwas Apfelwein mit der Pipette. Er kann nur wenig trinken, aber er entspannt sich sofort. Er ist mir unsympathisch, aber um mich geht es ja nicht.

Ich schaue noch kurz in 206 vorbei, bei meiner „Lieblingspatientin“. Wir reden ein wenig über dies und das, und am Ende haben wir eine kleine Vereinbarung getroffen: nächste Woche drehen wir mal eine Runde an der frischen Luft, sie möchte sich auf den Rollstuhl einlassen, die Strecke ist zu weit. Ich bin gespannt.

209 (die Sängerin) hat über Nacht einen Blasenkatheter bekommen. Meine Anleiterin ist einigermaßen aufgebracht und ich kann es nachvollziehen. Das wird auch Thema während der Übergabe, aber da halte ich mich raus.

Tag 14 – Freitag, der 6.3.

Ein ganz „normaler“ Tag. Frühstück mit 111, er möchte sich die Zähne putzen, was so halbwegs klappt, wir machen die weitere Grundpflege und die Mobilisierung in den Rollstuhl. Die stellvertretende Pflegedienstleitung ist heute mit dabei, sie ist Anleiterin für Kinästhetik und hat für 111 und die Pflegenden noch den einen oder anderen Kniff auf Lager. Für mich ist das ein komplett neues Gebiet und ich höre ziemlich interessiert zu.

Für 111 ist das doppelt anstrengend, so das er nicht einmal mehr Lust zu reden hat. Also lasse ich ihn wieder alleine. 111 ist für mich total faszinierend. Ich muss mir immer wieder vor Augen halten warum er hier ist. Ich ertappe mich häufig dabei zu glauben, das ich hier Zeuge einer wundersamen Heilung bin.

Den Rest des Tages verbringe ich als singende Begleitung für 209, ich unterstütze ein wenig bei der Pflege von 208, der sich mittlerweile irgendwie in einem Zustand der Resignation eingependelt hat; er möchte einfach gar nichts mehr tun und verteile Apfelwein an 210. Im ersten Stock gab es eine neue Aufnahme, ich war die Woche so eingespannt das ich nichts davon mitbekommen habe.

Während ich meine Aufgaben erledige komme ich immer wieder zu 111 zurück. Ich versuche, ihn irgendwie besser einzuschätzen. Ich glaube, das er von seiner Erkrankung nichts (mehr) weiß. Bei aller scheinbaren Präsenz und Eloquenz sind die Defizite eigentlich offensichtlich, die er in kognitiver Hinsicht hat. Wenn ihm der Kopf auf die Brust sackt bekommt er es nicht mit, nach Ansprache richtet er sich aber auf. Er kann seine Bettdecke wegschieben und sich wieder zudecken, aber er tut es nicht; nur nach Ansprache. Er steht, wenn ich ihn darum bitte. Er benutzt seine Klingel nicht.

Aber er hat für all das eine riesige Begeisterung, und auch für seine Angehörigen ist es etwas Tolles. Und darum geht es ja, die letzte Zeit lebenswert zu gestalten.

 

Die dritte Woche

Es kommt vielleicht nicht so rüber, aber: es war echt viel zu tun. Viele kleine Dinge, die ich nicht extra erwähne und recht aufwändige Pflege, bei der ich mir auch Details spare; wie eine Intimpflege vor sich geht muss und möchte ich nicht im Einzelnen beschreiben. Für mich gab es viel Neues, was ich so noch nicht kannte, kleine Tricks und Handgriffe die die Pflege erleichtern und den Patienten maximal einbinden.

Einzelne Patienten wie z.B. 111, 206 und 208 habe ich mittlerweile recht intensiv kennengelernt. Einige bekomme ich gar nicht mehr zu Gesicht. Zm Nachdenken fehlt mir sogar ein wenig die Zeit, ich beschäftige mich im Wesentlichen mit „meinen“ Patienten und das ist wahrscheinlich auch ganz gut so. Meine Kollegen binden mich gut ein, fragen nach meiner Einschätzung und weisen mich auf Besonderheiten hin, die die Arbeit im Hospiz mit sich bringt.

Mit der Menge an Medikamenten, die hier verwendet werden z.B. habe ich mich anfänglich sehr schwer getan. Mittlerweile sehe ich das etwas anders. Zum einen geschieht das meiste auf Nachfrage, nach „Bedarf“, wenn ein konkretes Problem vorliegt. Schmerzen, Übelkeit, Verstopfung. Häufig bedingt auch das eine das andere – Morphin ist bei Tumorschmerzen einer gewissen Stärke z.B. das Mittel der Wahl und Verstopfung ist eine, wenn nicht zwangsläufige doch häufige Folge davon, also wird dagegen auch etwas gegeben. Angst und Unruhe sind ebenfalls ständige Begleiter und manche Patienten möchten sich davon freimachen können und mal wieder durchschlafen können, also sind vielleicht Beruhigungsmittel und Schlafmittel angesagt. Wieder mit Nebenwirkungen verbunden. Eine gute Einstellung mit Medikamenten sorgt dann für fast völlige Symptomkontrolle, und darum geht es hier. Hier wird nicht geheilt, das muss ich mir immer wieder klar machen, die Patienten hier haben eindeutige Prognosen, es geht um Beschwerdefreiheit. Frei nach dem alten Spruch über ärztliches Handeln: „Heilen – manchmal, lindern – oft, trösten – immer“

Es wird auch nicht ausschließlich mit Medikamenten um sich geworfen, es gibt eine ganze Reihe nicht-medikamentöser Schmerz- und anderer Therapien.

Und am Ende des Lebens steht dann manchmal eben wieder das Morphin gegen die Atemnot oder das Midazolam gegen die Angst.

 

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Pflegepraktikum im Hospiz – 3. Woche was last modified: März 10th, 2015 by Heptopus
 

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