Unterwegs II – Ein Kompliment

Jürgen und ich sind unterwegs, es ist Winter und wir laufen durch die Kälte. Also ich laufe und ich schiebe, während Jürgen sitzt und friert. Ich schiebe diese gut 90 kg durch den Schnee und Jürgen sagt mir, ich soll mich nicht so anstellen. Es wäre auch schon mal schlimmer gewesen. „Klar“, denke ich mir, „irgendwann war es schon mal schlimmer, aber was hilft mir das?“ Ich habe meine Handschuhe nicht dabei und friere. Meine Schuhe und meine Hose sind nass und ich jammere vor mich hin. Wir sind auf dem Weg zum Bahnhof, und wie das in Deutschland so ist, können wir nicht einfach zum nächstgelegenen gehen. Der Aufzug ist kaputt. Also müssen wir laufen, bis zu einem Bahnhof mit intaktem Aufzug.

Jürgen versucht, mir etwas zu erzählen, aber ich kann ihn nur sehr schlecht verstehen, weil er so verwaschen spricht. Ich würde gerne nach vorne gehen und mich zu ihm beugen, damit ich ihn trotz der lauten Straße hören kann, aber ich bekomme meine Hände nicht los, also können wir uns nicht unterhalten. Nach ein paar Minuten hängt jeder von uns seinen eigenen Gedanken nach und träume von heißen Getränken und einer warmen Dusche. Jürgen denkt bestimmt über was anderes nach, aber nicht über die Temperatur. War schon mal schlimmer. Wahrscheinlich denkt er an seine Freundin und wie er sie vor schlechten Menschen beschützen kann, er bereitet sich geistig schon auf einen Wutausbruch vor, während er durch das Halbdunkel seiner Vorstellung wabert. Ein Radfahrer fährt von hinten an uns heran und wir beide erschrecken uns. Er ist wütend und möchte vorbei, aber es ist kein Platz. Unser Gefährt ist zu breit und ich kann es nicht zusammenfalten. Er erzählt etwas von aufpassen und Glätte, ich erzähle etwas von Klingel und mir-doch-egal und Jürgen brüllt etwas, das ich nicht verstehe. Ich versuche, dem Radfahrer begreiflich zu mache, das wir uns auf einem der wenigen geräumten Gehwege befinden und das er sich auf die Straße machen soll, aber er hört mir nicht zu. Er schaut Jürgen entsetzt an. Vielleicht denkt er, die Leute könnten denken, das er ihm weh getan hat, das denke ich. Vielleicht sollte ich sowas behaupten. Ich laufe weiter, ich schiebe weiter und irgendwann ist genug Platz für den Rad-ikalen und uns und er kann uns überholen. Ich amüsiere mich ein wenig über dieses Wortspiel. Das wird zwar schnell langweilig, aber ich habe wirklich nicht viel zu tun. Jürgen ist mit sich selbst und seinem Hass beschäftigt und murmelt vor sich hin, in einer Sprache, die ich nicht kenne. Irgendwelche Bösartigkeiten, Fluchworte in einer alten Sprache, die hoffentlich dem Radler die Speichen heraus hauen.
Mittlerweile spüre ich auch meine Füße nicht mehr, aber irgendwie macht es mir das Laufen angenehmer. Das quatschende Geräusch meiner nassen Socken in meinen nassen Schuhen sagt mir, das sie noch da sind, und meine Beine machen was sie sollen. Ich glaube, Jürgen friert jetzt auch und ich frage ihn, aber er würde das niemals zugeben. Nichts ist schlimmer für ihn, als wenn ich Recht habe.
Wir erreichen den Bahnhof und stehen vor einem altbekannten Problem. Wie bekomme ich mit dem Tandem, in dem wir uns bewegen, die Tür auf? Ich habe eine Taktik dafür, aber ich verlangsame gerne meinen Schritt und schaue, ob noch jemand anderes hinein geht, das macht die Sache leichter. Und tatsächlich, eine Frau kommt auf uns zu. Ich denke: „Klasse.“ und schlage den gleichen Weg wie sie ein. Sie spricht uns an. „Junger Mann, es ist so gut das es Leute gibt wie sie.“ Für einen Moment frage ich mich, wie ich denn bin, bis es mir klar wird. „Ach, danke, aber ich mache ja auch nur meine Arbeit.“ antworte ich, bescheiden wie ich bin. Insgeheim denke ich mir, ARRR, Superman, i am awesome, vielen Dank das sie es bemerkt haben. „Ohne Leute wie sie, also, da würde das Land den Bach runter gehen.“ Wir sind mittlerweile an der Tür angekommen. „Da kümmert sich ja niemand um diese Leute, also, ich meine, das kann ja auch nicht jeder mit diesen Leuten.“ Gut das sich so Leute wie ich um diese Leute da kümmern, armes Land sonst. Ich nehme das weiter als Kompliment, Jürgen ist völlig desinteressiert und fragt sich, was diese Frau will. Sie redet weiter und ich merke, das ich keine Hilfe bekommen werde. Das Kompliment löst sich in nichts auf. Ich vollführe also meinen üblichen Beschwörungstanz, der mir alle Türen lange genug öffnet um im Doppelpack hindurch zu schlüpfen und zu meinem Verdruss bedankt die Dame sich dafür, das ich ihr die Tür aufhalte. Ich sage ihr: „Wissen sie, mir ist der Typ da vorne kack egal, ich mache hier nur meine Sozialstunden.“ Sie hört auf zu reden und schaut mich böse an. Aber sie ist ruhig. Ich hätte gerne Hilfe bekommen, aber Ruhe ist auch ok. Jürgen gackert. Irgendwie hat er ja recht. Es war auch schon schlimmer.

Unterwegs II – Ein Kompliment was last modified: Januar 17th, 2015 by Heptopus
 

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