Unterwegs IV – Energie!

Energie!
Warp 4, Energie!

Vor einigen Tagen war ich unterwegs, ohne Jürgen zwar, aber vollauf damit beschäftigt, mich selbst zu betreuen. Ich kam gerade von der Schule, hatte die Bahnfahrt hinter mir und war nun für ungefähr 15 Minuten mit mir selbst allein, während ich nach Hause lief. In diesen Momenten denke ich über alles Mögliche nach, das meiste davon ist mir im Anschluss nicht einmal mehr bewusst, und so lässt sich dieser Zustand wohl am Besten mit planvoller Trance beschreiben, es sind Tagträume, eine eingeschobene, teilweise Defragmentierung meines Gehirns die meine geistige Gesundheit erhält Vom Rest der Welt bekomme ich dann nicht mehr viel mit. Und so kam es, das ich irgendwann vor zwei Kindern stand, die am Boden herumlungerten, rechts eine Hauswand, an der eines lehnte, links ein Lieferwagen, an dem das andere lehnte, beide im Alter von ungefähr zehn Jahren.

Die beiden waren in ein Gespräch vertieft, scheinbar sehr erregt, es muss eine hitzige Diskussion gewesen sein, wobei ich natürlich keine Ahnung habe, worüber; ich habe im Moment keinen Zugang dazu, was Kinder in dem Alter so beschäftigt. Monster High? Bob der Baumeister? Ich weiß es nicht. Sie bemerkten meine Anwesenheit auf jeden Fall nicht und ich wartete und dachte, das sie mich gleich wahrnehmen und mir Platz machen würden, den ich wollte nicht über sie springen. Ich hatte Angst mich dabei zu verletzen.

Nun kam es aber anders und nichts geschah und ich musste, irritiert und leicht verärgert, wie ich zugeben muss, meinen Zustand des glückseligen Stand-By verlassen, um mir die beiden etwas genauer anzuschauen. Ganz normale Kinder, dachte ich zuerst, stellte aber bald fest, das sie wie Maschinengewehre redeten, und zwar beide. Interessant daran war, das beide nur sprachen, und zwar gleichzeitig, und keiner dem anderen zuhörte.  Vielleicht war das ja ein riesiger, evolutionärer Sprung nach vorne, der eine unheimliche Zeitersparnis mit sich brachte, indem man simultan mehrere Ebenen eines Gespräche abhandelte, ohne diese lästigen Pausen einlegen zu müssen, das vom anderen Gesagte zu verarbeiten. Echtes Multitasking halt. Vielleicht war das aber auch kein Gespräch, sondern nur Geplapper.

Ich beobachtete weiter und meine Aufmerksamkeit richtete sich auf die Gegenstände, die beide in den Händen hielten und von denen jeder einen neben sich stehen hatte. Es waren Getränkedosen und ich dachte zuerst schockiert an Bier. Sie hatten die typische Größe, die 0,5 Liter-Größe und zwei davon dürften bei einem 10-jährigen so ziemlich jedes Verhalten erklären. Aber ich stellte beruhigt fest, das es kein Bier war. Jetzt war ich doch mehr neugierig als verärgert. Ich schaute genauer hin und gab mir keine Mühe, unauffällig zu sein. „Effect“ stand auf den Dosen. In meiner Erinnerung war das ein Energy-Drink. Die Dosen, die neben den beiden standen, waren geöffnet und darum nehme ich an, das sie leer waren.

Jetzt war ich richtig verunsichert. Wie fand ich das? Nicht so schlimm wie Bier, dachte ich zuerst. Aber so nach und nach war ich mir da nicht mehr so sicher. Ich suchte nach einem passenden Bild für die beiden in meinem Kopf und das einzige, das mir passend erschien, war das von irgendeinem Typen mit ausgeprägtem Fratzengulasch, der in der Disco darauf wartet, einen Platz in einer verschließbaren Toilette zu bekommen, um sich dort endgültig völlig zuzuballern, mit irgendeinem Dreckszeug, das er vorher von einem Typen gekauft hatte, der genauso dicht war wie er selbst. Mit dem ein normales Gespräch einfach unmöglich war, und zwar nicht auf diese Alkohol-unmögliche Art, sondern auf diese Alien-Kiefersperre-unmögliche Art.

Woher hatten die das Zeug? Von ihren Eltern? Hoffentlich nicht. Also haben sie ihr Taschengeld benutzt, aber wer verkauft 2 10-jährigen 2 Liter Raketentreibstoff fürs Gehirn? Früher hätte es sowas nicht gegeben. Es gab ja aber auch keine Energy-Drinks. Nicht das ich denke, früher wäre wirklich alles besser gewesen. Herrgott, erinnert sich jemand an die PCs von früher? Grausam. Smartphones? Gab es nicht, sind aber fucking awesome. Ach, es gab ja nicht mal das Internet. Aber ich habe nicht einmal eine richtige Cola bekommen, weil meine Eltern keinen Bock hatten, einem durchgeknallten Heranwachsenden, der sowieso schon das Maximum seiner Energie raushaut, zusätzlichen Schub zu geben.

Und vor allem, was macht das mit den Kindern? Zu Hause ist die eine Sache, aber in der Schule? Diagnose: ADHS, ab zum Arzt, zum Psychologen, aber eigentlich ist es ja nur Langeweile und/oder fehlende Aufsicht. Sie sind ja irgendwie sich selbst überlassen und auch noch mit Geld ausgestattet. Und dann kommt dazu noch die Gleichgültigkeit eines Verkäufers, der ihnen, wenn sie dann zwölf sind, empfiehlt, eine Dose Energy wegzulassen und dafür eine kleine Flasche Wodka zu kaufen. Ich dachte über die Eltern nach, wer und wie sie wohl sein mochten. Dabei spulte sich vor meinem inneren Auge eine ganze Bandbreite ab, von irgendwelchen Leuten, die mittags rauchend und trinkend vor dem Fernseher saßen und gar nicht mitbekommen hatten, das ihre Kinder draußen sind, bis zu von ihrer Elternschaft überraschten, nicht „Nein!“ sagen könnenden Gutmeinenden, die völlig überfordert waren. Es war alles dabei, aber letzten Endes einigte ich mich auf zwei Menschen, die mit Mühe ihre Miete zahlen konnten, finanziert durch Ganztags-Jobs, die ihnen keinen Spaß machten. Die gerne bei ihren Kindern wären, aber nicht können, weil sie mit Überleben beschäftigt sind, und keinen Platz in einer Betreuung bekommen haben. Im Zweifel für den Angeklagten.

Wer also ist Schuld? Es mag etwas platt klingen, aber es ist wohl die Gesellschaft. So an sich. So ganz allgemein. Die Gesellschaft, in der es dem Einzelnen egal ist, was er dem Kind da an der Kasse verkauft. Ich finde es nicht schlimm, wenn Kinder auf der Straße spielen, das haben wir auch gemacht. Aber irgendwie war immer eine Betreuung sichergestellt, und wenn es nur die Nachbarn waren. Das ist heute offenbar ein Problem. Wenn die Eltern nach Hause kommen, völlig erschöpft, versuchen sie vielleicht noch, sich angemessen mit ihren Kindern zu beschäftigen und fragen sich, was sie falsch gemacht haben, auch wenn sie wahrscheinlich nicht mal was dafür können.

Mittlerweile hatten die beiden mich bemerkt und hüpften wie zwei Flummis vor mir auf und ab. Als Kind wäre ich wahrscheinlich weg gerannt, wenn mich jemand auf diese neblige Art und Weise längere Zeit beobachtet hatte, aber das normale Verhalten war hier ausgeschaltet, überlagert von einer gewissen Unfähigkeit, eingehende Signale angemessen zu verarbeiten. Ich ging vorbei und fühlte mich schlecht, irgendwie machtlos. In meinem Kopf hatten die beiden keine gute Zukunft vor sich, aber vielleicht irre ich mich ja in jeder Hinsicht. Auf jeden Fall hat mich das verunsichert. Das nächste Mal, wenn ich ein Kind sehe, das sich gar nicht im Griff hat (ich meine nicht ein „normales“ Kind, das auf jede mögliche Art seine Grenzen testet), frage ich mich vielleicht eher mal, was es in seiner Trinkflasche hatte, während es in der Schule war, oder auch danach, und nicht, was in seiner Erziehung falsch gelaufen ist. Wenn ich Eltern sehe und denke: „Mein Gott, wtf?“ erinnere ich mich vielleicht an diese Situation. Mit weniger Vorurteilen und mehr Fragen, was hier eigentlich falsch läuft.

Unterwegs IV – Energie! was last modified: Februar 3rd, 2015 by Heptopus
 

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