Unterwegs V – Bloß nicht aufregen

Der Wi**ser
Der Wi**chser

Heute mache ich ein Experiment. Für einen Tag nehme ich mir ein Beispiel an anderen und versuche alles zu vergessen, was man mir beigebracht hat, als ich ein Kind war. Ich pfeife auf das, was Mutter, Vater und meine Lehrer erfolgreich in mein Hirn geprügelt haben! Die Sau, die lass ich raus, als wäre ich der einzig wichtige Mensch auf der Welt – ich nehme mir mein Geburtsrecht als Halbgott! Wenn ich mich schon in die Gefilde des Pöbels herab begebe, dann soll er spüren wer ich bin!

Schon wenn ich das Haus verlasse, ist mir alles egal. Auf dem Weg zum Bahnhof spucke ich einfach hinter mich und wenn ich Glück habe, treffe ich dich am Schuh. In deiner Eile legst Du es nicht auf Streit an, eine Entschuldigung hättest Du von mir sowieso nicht bekommen. Am Bahnhof kaufe ich mir dann einen Kaffee, denn es liegt ein anstrengender Tag vor mir. Von der morgendlichen Hektik lasse ich mich nicht irritieren – mein neu erworbenes Heißgetränk begutachte ich ausführlichst und während ich das tue, fällt mir ein: „Gute Gelegenheit, Kleingeld los zu werden!“ Also fange ich an zu zählen und schaffe es pünktlich zur Einfahrt der Bahn. Natürlich komme ich als letzter an der Tür an, just in time halt. Der Zug ist zwar voll, aber ich passe da noch rein. Das mein riesiger Rucksack dir in der Fresse hängt ist nicht mein Problem.

Du würdest dich gerne beschweren, aber es geht nicht, mein Rucksack hängt dir ja im Gesicht. Die Fahrt wird einfach langweilig, das ist immer so, darum verschaffe ich mir mit ein paar Ellbogenstößen etwas Platz um an meine Kopfhörer zu kommen. Als ich sie gefunden und eingesteckt habe drehe ich die Musik so laut auf wie es nur geht. Kein Bock auf dein Gejammer.

Wir erreichen den Bahnhof und ich steige aus, bleibe aber auch sofort stehen, um einen Schluck Kaffee zu nehmen. Plötzlich hängst Du schon wieder mit deinem hässlichen Gesicht in meinem Rucksack, und so langsam fange ich an, mich zu ärgern. Aber Du rennst weg. Ich finde in meiner Tasche noch etwas Kleingeld und gehe zum Bäcker. Als ich mein Brötchen bezahlt habe fällt mir ein, das ich noch etwas Süßes möchte, aber als der Verkäufer endlich mein Geld gezählt hat ist mein Kaffee leer. Also bestelle ich mir auch noch einen Kaffee.

Ich mache mich auf den Weg zur Straßenbahn, ich bin völlig entschleunigt. Hin und wieder läuft jemand in meinen Rucksack, während ich kurze Stopps einlege um die Lage zu checken. Die Straßenbahn erreiche ich als erster und die Leute, die aussteigen, können ja mal versuchen, an mir vorbei zu kommen. Ich will da rein, ich komme da rein, ich sitze. Den Rollstuhlfahrer, der mich nach meinem Platz im Mehrzweckabteil fragt, frage ich nach dem Grund: „Wieso möchten Sie hier hin? Sie sitzen doch schon.“ HA HA. Der war richtig gut. Er zieht ein beleidigtes Gesicht. Den Fahrradfahrer fertige ich auf ähnliche Art und Weise ab. Mit dem Fahrrad in die Straßenbahn, das wäre ja wie im Auto auf dem Abschlepper mitfahren. Ich kann auch nichts dafür, das es regnet. Irgendjemand ruft mich an, ich sage ich rufe zurück, was ich aber nicht vorhabe.

Wieder unterwegs fällt mir eine Zigarette runter und so ein Assi fragt mich, ob er sie haben kann. Ich zertrete sie mit meinem Fuß, der Spacko soll arbeiten gehen. Ich spucke daneben, also nicht neben die Zigarette, aber den Spacko verfehle ich. Auf der Arbeit angekommen setze ich mich erst einmal hin und frühstücke und schneller als man meint ist die Zeit auch schon wieder vorbei. Ich habe mein Buch fast fertig. Was Du heut nicht kannst besorgen, machen andere eben morgen, denke ich mir und packe meine Tasche und gehe.

Auf dem Heimweg mache ich alles wie gehabt, nur habe ich es jetzt eilig. Ich will heim. Da ich noch einkaufen muss gehe ich in einen Supermarkt. Dort werfe ich mit meinem Rucksack etwas um. Ich schaue die Pampe mit Glassplittern interessiert an und gehe weiter. Ich hab es ja noch nicht bezahlt. Irgendeiner der Leute, die hier arbeiten, also zu dumm für richtige Arbeit sind, wird das schon wegmachen, so tue ich noch etwas Gutes und sorge für Arbeit. Zeit, Bescheid zu geben habe ich allerdings keine. An der Kasse fällt mir ein, das ich noch etwas vergessen habe, was ich der Kassiererin mitteile und mich *kurz* auf den Weg mache, es zu suchen. Ich will ja nicht nochmal los müssen, und ich will mich auch nicht wieder hinten anstellen.

Zu Hause angekommen setze ich mich auf die Couch. Heute war ein guter Tag, besser als gedacht. Kein Stress. Mein Kleingeld bin ich los und meine Mitmenschen haben mich auch in Ruhe gelassen. Ich bin ziemlich zufrieden mit mir. Morgen wird auch super.

Unterwegs V – Bloß nicht aufregen was last modified: Februar 3rd, 2015 by Heptopus
 

Price:
Category:     Product #:
Regular price: ,
(Sale ends !)      Available from:
Condition: Good ! Order now!

by

Schreibe einen Kommentar