Unterwegs

NiemandIch stand am Gleis, und wartete auf die Bahn. Seit einiger Zeit mittlerweile achtete ich nicht mehr auf den offiziellen Plan, ich stellte mich einfach hin und wartete. Meistens kam sie irgendwann. Ich plante mittlerweile genug Zeit ein, so dass ich meistens zu früh, aber eigentlich nie zu spät war. Mit mir warteten noch andere Menschen. Viele schauten auf ihre Uhr und mit Uhr meine ich Smartphone. Ich weiß nicht ob sie wirklich nach der Zeit sahen, in jedem Fall wirkten sie wie in Eile, so als hätten sie keine Zeit. Ich habe gelesen dass Menschen, die auf die Uhr schauen, nicht nach der Uhrzeit sehen, sondern nach der Zeit, die ihnen noch bleibt; fragt man sie nach der tatsächlichen Uhrzeit müssen sie erneut nachsehen, fragt man aber, wie viel Zeit sie noch haben, wissen sie genau Bescheid. In jedem Fall benutzte ich die Uhr die der Bahnhof zur Verfügung stellte, wobei ich mir natürlich nicht sicher sein konnte, das die angezeigte Zeit stimmte. Eigentlich war es aber auch egal, denn die Bahn fuhr ein.

 

 

Die Bahn hielt und Niemand stieg ein. Ich folgte ihm, ich kannte ihn vom sehen und setzte mich zu ihm. an den meisten Tagen fange ich ein Gespräch an, da ich mich sonst schnell langweile, aber wenn Niemand zuhört dann schweige ich. Wir verstehen uns auch so. Wir schauten also gemeinsam aus dem Fenster, Baum, Haus, Baum, Baum, Haus, und sahen den anderen Menschen zu, wie sie taten was Menschen so tun. Jemand unterhielt sich mit Niemand und ich schaute zu. Auch von diesem Gespräch konnte ich nichts hören, aber dem anderen stand der Ärger ins Gesicht geschrieben. War es wegen der Verspätung der Bahn? War die Bahn überhaupt verspätet? Wütendes Schnauben, hektisches Tippen, und aus jeder Ecke signalisieren ankommende Kurzgespräche ihren Anspruch auf irgendjemandes Zeit. Samsung war der beliebteste Gesprächspartner, zumindest erkannte ich seine Stimme auf Anhieb. Mit ihm hatte ich auch öfter das Vergnügen, aber die meiste Zeit über meldete er sich stumm in meiner Tasche und ich sah einfach ab und an nach ihm.
Die Bahn fuhr immer weiter, hin und wieder hielt sie und andere Menschen stiegen ein und aus, während ich weiter da saß und mich allein fühlte, aber nicht einsam, wobei ich mir doch die Frage stellte, wieso ich hier alleine war. Wieso ich so gar nichts zu tun hatte und fühlte mich einen Augenblick lang richtig schlecht. Gab ich mich hier dem Faul-Sein hin, könnte ich mit meiner Zeit nicht etwas anfangen, mit jemandem reden, schreiben, Dinge klären? Nachfragen, ob jemand noch lebte, oder ob seit gestern etwas furchtbares passiert wäre? Ob noch dies und das, und jetzt oder später, oder doch lieber morgen? Würde ich, wenn ich den Leuten später in die Augen sehen musste bestehen? Mich erklären können für meine Ignoranz, für meine kommunikative Verweigerung? Letzen Endes, Niemand interessierte sich für meine Überlegung und so grübelte ich bis zur Haltestelle, die meine Letzte war, vor mich hin. Als ich die Bahn verließ und zum Ausgang lief verflog mein Unwohlsein und ich war einfach froh, hier raus zu kommen. Überall lagen Menschen mit ihren Smartphones in den Händen paarweise herum, mit furchtbaren, grausam anzusehenden Kopfverletzungen. Sanitäter mit Bluetooth-Headsets eilten durch den Bahnhof und versuchten zu helfen. Niemand kümmerte sich um mich.

Unterwegs was last modified: Januar 11th, 2015 by Heptopus
 

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