Warum denn ausgerechnet Dschungelcamp?

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Immer wieder fragen mich Menschen: „Heptopus, schaust Du eigentlich das Dschungelcamp?“ und wenn ich ihnen antworte: „Ja das tue ich!“ kommt es vor das sie sagen: „Oh. Das hätte ich nicht gedacht. Das hast Du doch gar nicht nötig.“ Und recht haben sie, ich habe das gar nicht nötig. Aber was soll ich denn tun? Es macht mir halt Spaß, nein, ich liebe es. Ich freue mich eigentlich das ganze Jahr darauf. Denn genauso „soziologisch“, wie man die Abläufe im Camp betrachten kann, kann man sich auch seine Mitmenschen anschauen. Während ich mir „Unterschichten-Fernsehen“ anschaue, versuchen sie mich mit „Unterschichte-Argumentation“ wieder davon abzubringen.

Wobei ich schon diese Begriffe nicht mag. „Unterschichten-xy“, „Prekariats-xy“, es mag ja sein, dass mancher sich besser fühlt, wenn er sich auf diese Art und Weise über andere stellen kann, aber meins ist das nicht. Ich persönlich habe keine Lust mir den ganzen Abend Arte anzuschauen, oder Polit-Magazine oder irgendein scheinbares Kultur-Gedöns, das sich nur durch Moderatoren mit Hipster-Brille und hochgestochenes Geschwafel als „Kultur“ auszeichnet, ansonsten eher nicht so wertvoll ist. Man könnte noch anfügen, ich könnte ja auch das Haus verlassen und was mit Freunden unternehmen (zum Beispiel ein Museum besuchen, oder doch eher saufen?), weil es kulturell wertvoller ist, allein: ich möchte nicht. Wer meinen Tag kennt, weiß, das ich abends eher zur Müdigkeit tendiere und eigentlich nur noch unterhalten werden möchte.
Im Kommentar-Teil des Kultur-Ressort des SPIEGEL wird jeden Morgen erneut schockiert gefragt, wie man so etwas denn in der Rubrik Kultur veröffentlichen könne, und überhaupt, was hätte ein seriöses Blatt damit am Hut, und da fängt es für mich jeden Tag an: die Beobachtung meiner Mitmenschen. Da kommen sie aus allen Ritzen geströmt und beglücken die Welt mit ihrer Kultur-Definition. Zwischendrin bereichert mit Kommentaren, die Lutz Bachmanns unsägliche Hitler-Fotos als gelungene, satirische Persiflage würdigen. Das lese ich dann mit meinem ersten Kaffee, und mir ist es fast eine größere Erheiterung als die eigentliche, meist gut gelungene Zusammenfassung des letzten Dschungel-Abends.

Vielleicht stimme ich den Kultur-Pessimisten sogar zu, der viel beschworene Untergang des Abendlandes wird hier zelebriert; Menschen verkaufen zuerst ihre Würde für Geld, und irgendwann werden Penner oder (scheinbare) Kriminelle und Systemgegner im Fernsehen von Leuten gejagt, die es sich leisten können. Aber ich kann und will mich nicht den ganzen Tag mit dem Elend dieser Welt befassen. Na ja, irgendwie tue ich es ja doch, aber ich meine mehr das großartige, generalstabsmäßig geplante Elend, das ich mir in meinem Feierabend noch reinziehen soll, um nicht intellektuell-kulturell  verdorben ins Bildungs-Prekariat abzurutschen.

Genau das möchte ich nicht. Ich möchte mich am Elend beteiligen, auf meine kleine hämische Form, und dabei noch etwas über Leute lernen, denen ihre Bekanntheit, ihr Hochmut irgendwann mal zu Kopfe gestiegen sind und die nun für ihre Fehler büßen. Müssen. Denn sie können ja laut eigener Aussage nichts anderes oder, noch schlimmer, denken, sie hätten noch was zu bieten. So wie ich, warum würde ich sonst hier schreiben?

Denn hier wird ja ein Handel angeboten, für Geld an einem Experiment bzw. einer Wette teilzunehmen: Ich (der RTL), biete dir eine Plattform, eine Möglichkeit, dich zu präsentieren, und wenn Du es gut machst, kommst Du vielleicht wieder zu Ruhm und Ehren. Das wird dankend angenommen, im elitären Bewusstsein: wenn nicht ich, wer dann?

Es kann lehrreich sein, sich das anzuschauen, mit Gruseln, und sich zu fragen: kann ich auch so sein? Yes, I can. Es ist auch interessant, zu sehen, was Leute in diesem Camp von uns denken, den Zuschauern, was sie glauben, was wir gerne sehen möchten. Das sagt viel über ihr Selbstverständnis über uns aus. Denn jeder der dieses Format mitmacht hat einen Plan, wie er sich präsentieren möchte und eine Agenda, die er verfolgt. Umso besser zu wissen, das wohl eher niemand sich der Tatsache, das er 24 Stunden am Tag beobachtet wird, dauerhaft bewusst sein kann, und genau darin liegt der Reiz dieses Experimentes: nicht zu wetten ob, sondern wann man diese kleinen, flüchtigen Einblicke in die echte, manchmal ekelhafte Persönlichkeit von Protagonist XY bekommt.

Dafür bekommen sie Geld, dafür, das sie sich diesem Kuriositäten-Kabinett zur Verfügung stellen und ich bin der festen Überzeugung, mit gänzlich Unbekannten funktioniert das nicht, und mit richtig bekannten auch nicht. Es braucht schon eine besondere Art Charakter, um hoch zu fliegen, tief zu fallen und der Meinung zu sein, durch Null Eigenleistung wieder nach oben zu kommen.

Hach, ich bin gern dabei. Das ist für mich Gesellschafts-Satire, das ist für mich auch Kultur, auch wenn es ein pessimistischer Ausblick ist. Ich würde mir noch behinderte Menschen im Camp wünschen, ich denke aber das Ausmaß an geheucheltem Mitleid wäre unerträglich, und hintenrum würde garantiert über den „Behindertenbonus“ gelästert, wenn der Rollifahrer einen barrierefreien Zugang zur Dschungelprüfung bekäme, oder wenn er dankend ablehnen würde, das jemand die Prüfung für ihn übernimmt, denn darum ist er ja schließlich da: mitzumachen, mittendrin statt nur dabei. Die Missgunst über die „geklaute“ Sendezeit wäre nicht lange zu verbergen.

Wenn man wirklich Ahnung hat, kann man bestimmt bei einer genaueren gruppendynamischen Betrachtung des Camps auch viele Perlen finden, die wie aus dem Lehrbuch beispielhaft Modelle und Theorien erklären. Ich bekomme nur eine Ahnung davon. Aber mir macht das allemal mehr Spaß, als mich den ganzen Tag herumzuschlagen mit den wirklich schlimmen Dingen. Ich will einfach mal über andere lachen und mich fremdschämen, im heimlichen Bewusstsein das auch ich das sein könnte (denn darum schämt man sich ja fremd – man stellt einen persönlichen Bezug her) und einfach nur böse zu sein.

Das ist mein prekäres Bildungsfernsehen, mein ttt, meine Kulturzeit für die Unterschicht. Wenn jemand das nicht schauen will – muss ja keiner. Aber ich hab meinen Spaß. Kultur soll ja den eigenen Horizont erweitern – und Spaß machen.

Warum denn ausgerechnet Dschungelcamp? was last modified: Februar 3rd, 2015 by Heptopus
 

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3 Gedanken zu “Warum denn ausgerechnet Dschungelcamp?

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