Wie die Sprache unsere Sicht auf die Welt verändert

Sprache
Wie Sprache unser Denken beeinflusst.

So manch einer ist stolz darauf, zu sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Einfach die Meinung sagen, gerade heraus, frei und direkt, denn man will sich ja nicht verbiegen lassen. Meistens werden diese Leute beklatscht dafür, das sie Dingen einen einfachen, greifbaren Namen geben und wir das nicht selber tun müssen. Denn es kommt ja hin und wieder vor, das dadurch Menschen verletzt werden oder sich verletzt fühlen. Und gerade heutzutage stinkt es auch einfach vielen, dass sie quasi vorgeschrieben bekommen, wie sie zu sprechen haben. Für alles gibt es Regeln: Gender-Mainstream, die ewige Diskussion, wie man Menschen mit Behinderung nennen soll bzw. darf, die Ächtung des Wortes „Neger“-Kuss usw. usf.

Im Prinzip ist es ja auch richtig, niemand soll sich die Benutzung der Sprache diktieren lassen müssen und jeder soll sagen dürfen, was er denkt, natürlich in einem verträglichen Rahmen. Aussagen wie „Ausländer raus“ sind schließlich keine Meinung. Es lohnt sich aber, wenn Du dich immer mal wieder fragst: „Was verursache ich mit meiner Sprache für eine Wirkung? Ist diese Wirkung das, was ich damit erreichen wollte?“ Denn Sprache funktioniert immer in zwei Richtungen: Du kannst meinen was Du willst, die Angesprochenen aber verstehen was sie wollen. In der Sprache gibt es Implikationen, Subtexte, die Du sendest, gewollt oder ungewollt, bewusst oder nicht, die bei bestimmten Menschen eine ganz bestimmte Reaktion hervorrufen.

Ein Klassiker ist mit Sicherheit das Wort „Neger“. Du denkst vielleicht, ach Gott, das schon wieder, an dem Wort ist doch nichts dran und es stimmt auch. Das Wort an sich gibt nichts her. Aber die Jahrhunderte seiner Verwendung haben dazu geführt, das mit dem Wort in erster Linie eines assoziiert wird: Herablassung, Entwürdigung, Unfreiheit. Vielleicht weißt Du ja um diesen Kontext und findest einfach nur, das Wort könne ja nichts dafür, aber versuche doch, es einfach nicht zu benutzen, wenn Du bestimmte Menschen bezeichnen möchtest. Frage Dich stattdessen: „Ist es nötig, bestimmte Menschen mit einem Wort als Gruppe zu beschreiben (und ihnen implizit Attribute wie Faulheit zu verpassen)? Zeichnet diese Menschen ausschließlich ihre Hautfarbe aus?“ Und falls Du der Meinung bist, unbedingt dieses Wort nutzen zu müssen, frage Dich, was Du eigentlich gerade sagen willst, ob Du nicht doch etwas negatives im Hinterkopf hast. Denn „Die vier Leute dahinten“ ist bestimmt eine genauso gute Beschreibung wie „Die vier Neger dahinten.“, minus das, was im Raum steht. Nein, die Beschreibung ist besser.

Falls Du jetzt einwerfen möchtest, dass Du sicher niemanden beleidigen möchtest und es nur der Einfachheit halber tust, weil es praktisch ist, dann bitte ich Dich: mach Dir die enorme Mühe und versuche es einfach mal. Lass es weg. Du wirst sehen, in Deinem Kopf passiert was, wenn Du über das, was Du sagst, kurz nachdenkst.

Oder nimm das Wort Behinderung. Nicht einmal Vereinigungen, in denen behinderte Menschen organisiert sind, sind sich da einig. Die meisten gehörlosen Menschen möchten nicht, das ihre Taubheit oder Schwerhörigkeit als Behinderung verstanden wird, sie begreifen sich als eigene Kultur mit einer eigenen Sprache. Dagegen hat mal ein mehrfach schwerbehinderter Rollstuhlfahrer zu mir gesagt: „Wieso nicht behindert? Ich habe mit Sicherheit keine speziellen Bedürfnisse, ich habe ganz normale Bedürfnisse, die ich selber nicht erfüllen kann. Ich habe auch keine Einschränkungen, ich kann es einfach nicht. Ich bin behindert.“ Nach wem sollst Du dich jetzt richten, allen kannst Du es ja ganz offensichtlich nicht recht machen. Auch hier musst Du dich wieder fragen, ob Du dem Einzelnen gerecht wirst, wenn Du ihn in einen großen Topf wirfst. Du beschreibst dann mit einem Wort eine Vielzahl von Besonderheiten und wirst nicht einmal einer gerecht. Also drückst Du dich falsch aus, zumindest unpräzise und im schlimmsten Fall beleidigst Du sogar jemanden. Die wenigsten haben ein Problem damit, wenn Du sie als das ansprichst, was sie sind: ein gehörloser Mensch, ein Mensch im Rollstuhl (oder Rolli). Das ist nur scheinbar eine Reduzierung, aber irgendwie musst Du ja hin und wieder einen Sachverhalt beschreiben und „Er/sie sitzt im Rollstuhl“ bzw. „Der Mann/die Frau sitzt im Rollstuhl“ ist so neutral wie es nur geht. Für Menschen, die Du dann irgendwann mal kennst, empfehle ich, den Namen zu benutzen, wenn Du über sie sprichst. „Mein Rollifahrer“ oder „Mein Behinderter“ drückt schon wieder mehr aus, als Du eigentlich sagen willst. Meistens musst Du ja gar nichts erklären, und wenn doch, dann kannst Du das ja tun, ohne zu verallgemeinern (z.B „Ich arbeite als Assistenz für einen spastisch gelähmten Menschen“ und nicht „Ich betreue einen Behinderten“). Bemerkst Du den Unterschied. Auch hier wirst Du feststellen, das sich mit der Zeit deine Sichtweise auf die Menschen ändert und es dir auch nicht mehr schwer fällt, geschweige denn Umstände macht.

Zur Verdeutlichung sei hier noch einmal das Wörtchen „normal“ bemüht; es impliziert, etwas sei die Regel und der Rest seien Abweichungen. Die Weltsicht ist klar: Abweichendes ist nicht gewünscht. In einer Gesellschaft, die Wert auf Vielfalt legt, könnte man das Wort „normal“ jedoch auch durch das Wort „gewöhnlich“ ersetzen, und wenn wir ehrlich sind, gut klingt das nicht. Es klingt nach billig, nach Masse. Kein Normalo würde das wollen. In der Benutzung des Wortes „normal“ für einen Menschen schwingt das mit: wohlgeraten, rein, unbefleckt, makellos. Normiert. Alles was bleibt: eher nicht so toll. Auch behinderte Kinder sind „normale“ Kinder, quengelig, nervig, laut usw. usf., oder halt eben „gewöhnliche“ Kinder; nichts Besonderes.
Dahin kommt man aber erst, wenn man das Wort normal für Vielfalt verwendet: Vielfalt ist die Normalität. Also die Regel.

In dieser Form könnte ich weiter machen, angefangen beim Gendern, und ein Ende wäre nicht in Sicht. Aber das Gender-Mainstreaming ist nochmal ein eigenes Thema und mein Punkt sollte eigentlich klar geworden sein. Lass Dir deine Meinung nicht nehmen, aber erkenne die Persönlichkeit und Einzigartigkeit anderer an. Nenne deinen Nachbarn ruhig einen Kriminellen, aber nenne ihn nicht einen pakistanischen Kriminellen, denn das fügt eigentlich keine Information hinzu, die für jemand anderen wichtig wäre. Sag auch nicht „Die Mehrzahl der Rumänen ist nun einmal kriminell“, denn Du kennst die Mehrzahl der Rumänen nicht, da sie nicht hier leben und ihr euch nie begegnen werdet. Nur weil der Typ, der in meine Gartenhütte eingestiegen ist, vielleicht Rumäne war, wovon mein Nachbar überzeugt ist, heißt das nicht, das der Rumäne, den ich morgen treffe, irgendetwas mit ihm gemein hat außer einen Verweis im Pass. Vielleicht. Du redest ja auch von deinem Mercedes und nicht von deinem Auto.

Vielleicht bist Du ja gerade arbeitslos und kannst nicht mal was dafür, und Du hast schon hunderte Bewerbungen verschickt. Du würdest Dich zu Recht aufregen, würde ich dich als „typischen Hartzer“ bezeichnen. Wenn Du jemanden kennst, der arbeitslos ist, dann nenne ihn arbeitslos. Denn was sagt „Hartzer“ aus? Ich unterstelle dir damit, das Du den ganzen Tag trinkst und rauchst, deine Kinder vernachlässigst und laufend neue machst. Bist das Du? Mit Sicherheit gibt es Leute, die überhaupt keine Veranlassung sehen, arbeiten zu gehen, sich um ihre Kinder zu kümmern und und und. Aber dann gib ihnen einen Namen, der sich mit ihnen beschäftigt und nur mit ihnen. Nenne ihn meinetwegen ein faules, verantwortungsloses Schwein. Und wenn dir ein Mensch im Rollstuhl über den Fuß fährt nenne ihn ruhig einen rücksichtslosen Arsch.

Ich habe mich lange schwer getan damit und habe auch immer argumentiert, das ich bestimmte Dinge nicht so meinen würde, wie sie sich anhören. Ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, mich verbiegen zu lassen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, wie andere wahrnehmen, was ich sage und ob ich das möchte. Seit ich versuche, darauf zu achten (immer bekomme ich das auch nicht hin) hat sich aber so einiges in meiner Sichtweise auf die Welt und die Menschen geändert. Die Sprache, die ich benutze, hat mein Denken verändert, zumindest ein gutes Stück. Die Sprache, die ich benutze, hat meine Welt verändert. Den „typischen Hartzer“ gibt es nicht, oder „den Behinderten“. Es gibt nur ganz unterschiedliche Menschen, im Guten wie im Bösen. Den Rest gibt es nur in deiner Sprache – deinem Kopf.

 

Wie die Sprache unsere Sicht auf die Welt verändert was last modified: Februar 3rd, 2015 by Heptopus
 

Price:
Category:     Product #:
Regular price: ,
(Sale ends !)      Available from:
Condition: Good ! Order now!

by

Schreibe einen Kommentar